Germanwings 4U9525 : Airlines verschärfen weltweit Cockpit-Regeln

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Der Schock über den Germanwings-Absturz sitzt tief. Die Airlines sind in Sorge, dass Passagiere das Vertrauen ins Fliegen verlieren. Spontan ändern viele ihre Sicherheitsbestimmungen.

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26. März 2015, 18:55 Uhr

Die Fluggesellschaften in Deutschland und auf der ganzen Welt führen nach der Germanwings-Katastrophe die Zwei-Personen-Regel im Cockpit ein. Sie wollen keine Piloten mehr allein im Cockpit erlauben. Nach Abstimmung mit dem Verkehrsministerium und dem Bundes-Luftfahrtamt wird das neue vorläufige Verfahren von den deutschen Airlines ab sofort eingeführt. Das teilte der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) am Freitag mit. Auch die Lufthansa samt ihrer Töchter Germanwings, Swiss und Austrian Airlines will die neue Regel umsetzen.

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Der Copilot der über Frankreich abgestürzten Germanwings-Maschine hat den Airbus mit 150 Menschen an Bord wohl mit voller Absicht auf Todeskurs gebracht. „Es sieht so aus, als ob der Copilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört hat“, sagte Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Marseille. Der 27-Jährige sei zu dem Zeitpunkt allein im Cockpit und der Pilot aus der Kabine ausgesperrt gewesen. Warum der Mann die Maschine in die Katastrophe steuerte, ist unklar. Hinweise auf einen Terrorakt gibt es laut Ermittlern und Bundesinnenministerium nicht. Als Konsequenz aus dem Absturz wollen die größten deutschen Fluggesellschaften nun die Zwei-Personen-Regel im Cockpit einführen.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte die Ereignisse eine Tragödie von schier unfassbarer Dimension und sagte: „So etwas geht über jedes Vorstellungsvermögen hinaus.“ Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach in Köln vom „furchtbarsten Ereignis in unserer Unternehmensgeschichte“.

Germanwings ist ein Tochterunternehmen des Konzerns.

Die Ermittler hatten seit Mittwoch die Aufnahmen eines geborgenen Stimmenrekorders ausgewertet. Schreie von Passagieren sind erst in den letzten Sekunden vor dem Aufprall zu hören. An der Absturzstelle in den französischen Alpen bargen Rettungskräfte die ersten Opfer.

Vielerorts in Deutschland versammelten sich Menschen zu einer Schweigeminute für die 150 Insassen, von denen nach jüngsten Informationen des Auswärtigen Amtes 75 Deutsche waren.

Ermittler durchsuchten auf Ersuchen der französischen Justiz zwei Wohnungen des 27-Jährigen Copiloten, der aus Montabaur bei Koblenz stammte. Dort und in einem Haus in Düsseldorf suchten sie nach Hinweisen auf ein Motiv oder Anzeichen für eine psychische Erkrankung. Ein besonderes Augenmerk liege auf persönlichen Unterlagen, teilt die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft mit. Die Auswertung der Unterlagen werde voraussichtlich einige Zeit in Anspruch nehmen.

Der Pilot hatte nach den neuesten Erkenntnissen das Cockpit verlassen, um auf die Toilette zu gehen, und das Kommando seinem Kollegen übergeben. Als er zurück ans Steuer wollte, habe er die automatisch verriegelte Kabinentür nicht mehr öffnen können, schilderte der Staatsanwalt.

Die plausibelste Deutung gehe dahin, dass der Copilot vorsätzlich das Öffnen der Tür verhindert habe. Obwohl der Stimmenrekorder bis zuletzt schweres Atmen im Cockpit aufgezeichnet habe, der Mann also am Leben war, habe er auf Ansprache des Towers nicht reagiert. Ein Notruf sei nicht abgesetzt worden.

Lufthansa-Chef Spohr erläuterte, dass es für den Notfall einen Sicherheitsmechanismus in der Kabinentür gebe: Dafür ist von außen ein spezieller Code einzugeben - kommt keine Antwort, öffnet sich die Tür. Der Kollege im Cockpit könne dies aber blockieren.

Der Name des Copiloten wurde mit Andreas L. angegeben. Bekannt war bereits, dass der Mann seit 2013 Copilot bei Germanwings war.

Davor hatte er laut Spohr aber schon seit etlichen Jahren für den Konzern gearbeitet, auch als Flugbegleiter. Vor sechs Jahren habe es eine mehrmonatige Unterbrechung der Pilotenausbildung gegeben, danach sei die Eignung des Mannes nach allen Standards überprüft worden. „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit“, sagte Spohr.

Dem Piloten selbst sei kein Fehlverhalten vorzuwerfen, er habe „vorbildlich gehandelt“. Spohr betonte: „Wir haben volles Vertrauen in unsere Piloten. Sie sind und bleiben die besten der Welt.“ Er sagte auch: „Wenn ein Mensch 149 Menschen mit in den Tod nimmt, ist das ein anderes Wort als Selbstmord.“ Die Luftaufsicht teilte mit, dass es bei den routinemäßigen Sicherheitsüberprüfungen des Copiloten keine Auffälligkeiten gab.

Zuletzt sei ihm Ende Januar bescheinigt worden, dass gegen ihn keine strafrechtlichen oder extremistischen Sachverhalte vorliegen.

In den letzten Minuten, bevor der A320 an einer Felswand zerschellte, zeichnete der Rekorder auf, wie der ausgesperrte Kapitän und die Crew von außen gegen die Cockpit-Tür hämmern. Der Copilot habe nichts mehr gesagt, berichtete Robin. In den ersten 20 Minuten nach dem Start haben sich Pilot und Copilot aber noch ganz normal unterhalten.

Der Airbus mit der Flugnummer 4U9525 war am Dienstag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf, als er über Südfrankreich minutenlang an Flughöhe verlor und am Bergmassiv Les Trois Evêchés zerschellte.

Die Bergung und Identifizierung der Opfer in dem unwegsamen Gelände könnten nach Angaben der Staatsanwaltschaft mehrere Wochen dauern.

Der zweite Flugschreiber sei noch nicht gefunden. Am Donnerstagabend wurde die Bergung mit Einbruch der Dunkelheit unterbrochen. Bis in die Dämmerung hinein waren noch Hubschrauber gestartet und gelandet.

Angehörige der Opfer gedachten in der kleinen Ortschaft Le Vernet in unmittelbarer Nähe der Absturzstelle ihrer toten Kinder, Eltern und Geschwister. Nach Angaben des Marseiller Staatsanwalts sind auch die Angehörigen von Pilot und Copilot an den Absturzort gereist. „Aber wir haben sie nicht mit den anderen Familien zusammengebracht.“ In Berlin begann die Gala zum 24. Echo-Musikpreis mit einer Schweigeminute für die Opfer der Germanwings-Maschine.

Bei Germanwings herrscht nach dem vermutlich vorsätzlich durch den Copiloten herbeigeführten Absturz Fassungslosigkeit und Entsetzen. "Wir sind alle unter vollkommenem Schock", so Germanwings-Chef Thomas Winkelmann. Die Tat sei "völlig unerklärlich". Man werde alles tun, damit ein solches Ereignis niemals wieder vorkommen werde.

In Haltern lädt das Joseph-König-Gymnasium heute zu zwei Trauerfeiern, um der ums Leben gekommenen Schüler und Lehrerinnen zu gedenken. Bei beiden Feiern ist die Öffentlichkeit nicht zugelassen. Bei der Katastrophe in den südfranzösischen Bergen waren 16 Jungen und Mädchen sowie 2 Lehrerinnen des Gymnasiums ums Leben gekommen.

Am Abend wird es sowohl in Düsseldorf als auch in Rothenbach im Westerwald Gedenkgottesdienste geben.

Unterdessen wird die neue Zwei-Personen-Regelung heute Thema bei Gesprächen zwischen den deutschen Fluggesellschaften und dem Luftfahrt-Bundesamt. Mehrere Airlines, darunter Lufthansa, Air Berlin, Condor und TuiFly sowie Easyjet und Norwegian, hatten angekündigt, das neue Vorgehen unverzüglich umsetzen zu wollen. Auch die französische Air France und die lettische Air Baltic denkt nach der Katastrophe nun über die Besetzung in ihren Cockpits nach. Australien überprüft ebenfalls die Regeln für die Cockpit-Besetzung. Nach Angaben von Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, wird die Regelung zunächst nur vorläufig eingeführt. In der Luftfahrt-Sicherheit seien "Schnellschüsse das Falscheste, was man machen kann", so Randow in der ZDF-Sendung "maybrit illner".

Der ehemalige Sicherheitschef der polnischen Fluggesellschaft LOT, Jerzy Dziewulski, hat sich skeptisch über die Einführung der Zwei-Personen-Regel im Cockpit geäußert. Flugbegleiter im Cockpit könnten während der Abwesenheit eines der Piloten nichts machen, um eine Katastrophe zu verhindern: "Der Pilot in der Kabine sagt: Setz dich, fass nichts an, du hast keine Ahnung. Ich bin derjenige, der die Maschine steuert", so Dziewulski.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte in den ARD-"Tagesthemen", man habe sich mit allen anderen großen deutschen Airlines entschieden mit den Behörden zu überlegen, "ob es kurzfristig Maßnahmen geben kann, die die Sicherheit noch weiter erhöhen".

Der CDU-Verkehrsexperte Oliver Wittke hat sich für die Einführung eines Zwei-Personen-Prinzips im Cockpit ausgesprochen und sieht dabei die EU in der Verantwortung. "Da sind jetzt die europäischen Behörden gefordert. Das können wir nicht im nationalen Alleingang regeln", so Wittke im ARD-Morgenmagazin.

Die Bergungsarbeiten am Ort des Airbus-Wracks in den französischen Alpen sind in den vierten Tag gegangen. Am Morgen starteten die ersten Hubschrauber bei wolkenfreiem Himmel in Richtung Tête de l’Estrop - hinter diesem Gipfel war die Germanwings-Maschine zerschellt. Die Aufmerksamkeit der Einsatzkräfte gilt besonders der Suche nach dem zweiten Flugschreiber, der weitere Erkenntnisse zum Geschehen im Cockpit liefern könnte.

Inzwischen ist Bundespräsident Joachim Gauck ist in Haltern am See eingetroffen, um an einem Gedenken für die Opfer des Germanwings-Absturzes teilzunehmen. In Begleitung von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ging Gauck direkt nach seiner Ankunft in die Sixtus-Kirche, wo dann ein ökumenischer Gottesdienst begann.

Britische Medienberichte über einen "entscheidenden Fund" in den Unterlagen des Germanwings-Copiloten stuft die Polizei als sprachliches Missverständnis ein.  Einem englischen Journalisten habe man wie zuvor deutschen Journalisten bestätigt, dass bei den Durchsuchungen "Beweismittel sichergestellt" worden seien. Dies sei aber nach deutschem Verständnis neutral für alle beschlagnahmten Gegenstände gemeint, nicht im Sinne eines entscheidenden Beweises. Berichte vom Fund eines Abschiedsbriefes wurden ebenfalls zurückgewiesen: "Niemand hat irgendetwas von einem Abschiedsbrief gesagt", sagte ein Polizeisprecher. "Die Sachen müssen erst ausgewertet werden."

Der Copilot hat nach Erkenntnissen der Ermittler eine Erkrankung verheimlicht. In seiner Wohnung gefundene Dokumente wiesen auf eine bestehende Erkrankung und eine entsprechende Krankschreibung hin, die auch für den Tag des Fluges gegolten habe, teilt die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf. Um welche Krankheit es sich handelt, bleibt zunächst offen. Die Ermittler nehmen an, dass der 27 Jahre alte Copilot "seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat". In seiner Düsseldorfer Wohnung seien weder ein Abschiedsbrief noch Bekennerschreiben gefunden worden, es gebe keine Anhaltspunkte für einen politischen oder religiösen Hintergrund.

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