Totes Flüchtlingskind : Mitten ins Herz

toter junge am strand

Warum diese Fotografie die Welt erschüttert und ob man es millionenfach zeigen darf

svz.de von
03. September 2015, 20:00 Uhr

Das Bild  des toten dreijährigen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi am Strand des türkischen Badeortes Bodrum wird diskutiert wie kein anderes. Dabei spielen sich im und am Mittelmeer täglich Todesdramen ab. Hintergründe von Christof Bock und David Rima.

Was löst der Anblick dieses Fotos im Kopf aus? Darf man es zeigen?

„So ein Bild trifft mitten ins Herz“, sagt der Psychologe Michael Thiel. „Das sagt viel mehr über das Elend von Flüchtlingen aus als jedes Gefasel von Politikern und anderen Leuten. Es macht deutlich: Es sind nicht nur irgendwelche abstrakten Flüchtlingskrisen.“ Ein unschuldiges kleines Kind musste aufgrund der Zustände sterben. „Das ist etwas, was keinen Menschen kalt lässt.“ Das Bild habe Symbolkraft.

Was geht in unserem  Kopf  vor?

„Wir Menschen sind in der Regel dazu fähig, mit so einem Bild eine ganze Szenerie im Kopf entstehen zu lassen“, so Thiel. Spiegelneuronen im Gehirn seien in der Lage, beim Anblick einer solchen Szene ein ganzes „Gefühlskaleidoskop“ auszulösen. „Eine Mischung aus Trauer, aus Wut, aus Bestürzung.“

Was sagen Ethik-Experten?

„Ich glaube, man kann das Bild zeigen“, sagt der Medienethiker Prof. Alexander Filipovic. „Denn das Bild zeigt doch in einzigartiger Weise die Unmenschlichkeit, die mit der Flüchtlingskrise verbunden ist.“

Gibt es auch Kritik?

Das Bild polarisiert stark. In Sozialen Medien überwiegen Betroffenheit und Zustimmung, die Szene abzubilden. Aber es gibt auch viele kritische Stimmen. Anlaufstelle war nicht selten der Deutsche Presserat. „Zehn Beschwerden sind eingegangen. Und wir erwarten noch mehr“, sagte Sprecherin Edda Eick.

Wird dieses Bild Geschichte?

Das Foto der neunjährigen Vietnamesin Kim Phúc, die splitternackt vor Napalm flieht, wurde 1972 Symbol für den Vietnamkrieg.  „Was Foto-Ikonen aber generell auszeichnet, ist – in dem Zusammenhang mag man es kaum sagen – eine bestimmte gestalterische Kraft. Ob die inhaltliche Komponente ausreichen wird, dieses Bild des toten syrischen Jungen ins ewige visuelle Gedächtnis der Menschheit zu rücken, wie das beim Che-Guevara-Bild oder beim Mädchen aus Vietnam der Fall ist?“

„Ich trieb drei Stunden im Wasser“: 
 

Der Vater des ertrunkenen Flüchtlingskindes aus Syrien, dessen Foto weltweit für Bestürzung sorgt, hat gestern den Tod seiner Familie im Meer geschildert. Das Boot sei auf der Fahrt vom türkischen Bodrum zur griechischen Insel Kos bei hohem Wellengang gekentert, sagte Abdullah Kurdi dem oppositionellen syrischen Radiosender Rosana FM  in einem Telefonat. „Ich half meinen beiden Söhnen und meiner Frau und versuchte mehr als eine Stunde lang, mich am gekenterten Boot festzuhalten. Meine Söhne lebten da noch.  Mein erster Sohn starb in den Wellen, ich musste ihn loslassen, um den anderen zu retten.“

Weinend fügte der Vater hinzu, dass trotz seiner Bemühungen auch der andere Sohn gestorben sei. Als er sich dann um seine Ehefrau habe kümmern wollen, habe er sie tot vorgefunden. „Danach war ich drei Stunden im Wasser, bis die Küstenwache ankam und mich rettete.“

Er habe den Schleusern 4000 Euro für die Überfahrt seiner Familie gezahlt. Der Menschenschmuggler an Bord sei nach Beginn des hohen Wellengangs ins Wasser gesprungen, um sich in Sicherheit zu bringen, und habe die Flüchtlinge allein gelassen.

Inzwischen sollen vier der an diesem Fall beteiligten Schleuser festgenommen worden sein. Es handele sich dabei um syrische Staatsbürger, meldete die Nachrichtenagentur DHA  unter Berufung auf die Polizei in Bodrum. Sie sollen für den Tod von zwölf Flüchtlingen verantwortlich sein, darunter die Familie Kurdi.  Die Boote waren vom westtürkischen Akyarlar  aus gestartet.

>>Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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