Berlin : Erfundener Flüchtlingstod

Kerzen sollen an den vermeintlich Toten erinnern.  Fotos: dpa
Kerzen sollen an den vermeintlich Toten erinnern. Fotos: dpa

Ein Flüchtlingshelfer berichtet von einem toten Syrer. Der Aufschrei ist groß – bis klar wird: Gelogen.

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28. Januar 2016, 20:45 Uhr

„Wir trauern um dich. Du wurdest 24 Jahre alt. Du kamst aus Syrien.“ Mit diesen Worten beginnt eine Traueranzeige des Berliner Bündnisses „Moabit hilft“ auf Facebook. Wenige Stunden später ist klar: Den Toten gibt es gar nicht. Und der Fall ist einmal mehr ein Beispiel für Hysterie im Internet - und nicht nur dort.

Was war geschehen? Ein ehrenamtliche Flüchtlingshelfer eben jenes Bündnisses schreibt am Mittwoch auf Facebook, dass ein 24-jähriger Syrer gestorben sei. Der Mann habe tagelang „bei Minusgraden im Schneematsch“ vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) angestanden. Er habe Fieber bekommen, weshalb der Helfer ihn mit zu sich genommen und schließlich einen Krankenwagen gerufen habe. Auf dem Weg ins Krankenhaus habe der Syrer einen Herzstillstand erlitten.

Der vermeintliche Skandal verbreitet sich blitzschnell. Der Aufschrei ist groß, der Presserummel enorm, #lageso wird zwischenzeitlich zu einem der populärsten Hashtags auf Twitter. Politik und Behörden stehen unter Beschuss, die üblichen Rücktrittsforderungen werden laut. Als Zweifel aufkommen, verschanzt sich der Flüchtlingshelfer zuerst in seiner Wohnung. Später räumt er ein: Alles erfunden.

„Das ist eine der miesesten und perfidesten Aktionen, die ich jemals erlebt habe“, sagt Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) gestern. Mit hohem Aufwand sei nach einem erfundenen „LaGeSo-Toten“ gesucht worden. „Verantwortung tragen auch diejenigen, die den erfundenen Fall gestern ohne jegliche Grundlage bestätigt haben, darunter die Sprecherin des Bündnisses ’Moabit hilft’“, so Henkel. Wer solche Gerüchte streue und ungeprüft weiterverbreite, lege es darauf an, die Stimmung zu vergiften.

Zuletzt machten immer wieder wilde Spekulationen und Halbwahrheiten im Netz die Runde – auch und gerade im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. Dazu kommen Hasskommentare, falsche Bilder – etwa von vermüllten Zeltplätzen, die fälschlicherweise Flüchtlingslagern zugeordnet werden – oder übertriebene Behauptungen.

Entwickelt sich das Internet zunehmend zu einer Plattform für gefährliche Kurzschlüsse? „Der Mob kennt kein Ob, er kennt nur das Dass“, schreibt Jochen Bittner gestern in einer Kolumne auf „Zeit Online“. „Viele Nutzer nehmen sich nicht mehr die Zeit genau hinzuschauen. Manche Beiträge werden nicht mal wirklich gelesen. Die Leute sehen die Überschrift und fangen an loszuwettern“, sagt Professor Frank Schwab, Medienpsychologe der Universität Würzburg.

Im Internet werde unglaublich rasant agiert und reagiert. Mit einem Eintrag erreiche man schnell Aufsehen und stehe in der Mitte des Interesses. „Jeder kann immer und überall etwas posten und weiterleiten. Das geschieht manchmal unüberlegt und oft ungeprüft“, sagt Schwab. „Denn in den sozialen Netzwerken vertrauen wir gerne unseren Bekannten.“

Im Fall des angeblichen toten Flüchtlings erklärte „Moabit hilft“ gestern auf Facebook: Den Helfer, der den Fall erfunden hat, hätte man in den vergangenen Monaten als „verlässlichen und integren Unterstützer an unserer Seite“ kennengelernt. Noch am Mittwoch hatte das Bündnis bekräftigt, derzeit nicht an den Angaben des Mannes zu zweifeln. Zahlreiche Medien hatten mit der Quelle „Moabit hilft“ berichtet.  

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