zur Navigation springen

1000 Flüchtlinge am „Arsch der Welt“ : Die pure Not führt das Land nach Sumte

vom
Aus der Redaktion des Hagenower Kreisblatt

100-Seelen-Ort an der Elbe wird noch im Oktober Heimat für Hunderte Flüchtlinge. Hunderte Bürger aus Neuhaus und Umgebung machen ihrem Unmut auf Informationsveranstaltung im Hotel „Hannover“ Luft.

von
erstellt am 14.Okt.2015 | 11:38 Uhr

Die Bürger haben Sorgen, sie haben Angst. Nicht nur in Sumte, im gesamten Amt Neuhaus. Das ist das Stimmungsbild vom Dienstagabend. Und nach der denkwürdigen Informationsveranstaltung im Hotel „Hannover“ ist es trotz aller beantworteter Fragen nicht besser geworden. Die Mehrzahl der Bürger fühlt sich nach wie vor überrannt vom Thema und der Zahl der avisierten Flüchtlinge. So steht bis her im Raum, dass noch im Oktober bis zu 1000 Flüchtlinge in einer Notunterkunft im Dorf Sumte nahe Neuhaus untergebracht werden sollen. Sumte selbst hat nur 100 Einwohner. Inzwischen hat der niedersächsische Ort, der bis 1990 zu Mecklenburg-Vorpommern gehörte, bundesweite Berühmtheit erreicht, ganze Medienscharen fallen seit Tagen hier ein.

Die Bewohner schickten am Dienstagabend mit Christian Fabel zunächst ihren Ortsvorstand ins Rennen. Er kam gleich mit einem ganzen Katalog: Was ist mit der Sicherheit? Wird die Polizei aufgestockt? Wie sieht es mit Infotafeln für Verhaltensregeln aus? Wo sollen die Flüchtlinge einkaufen? Wie kommen sie dorthin? Was ist mit der Müllversorgung? Funktioniert das LTE-Netz noch, wenn die Flüchtlinge da sind? Während Fabel, der auch stellvertretender Bürgermeister im Amt Neuhaus ist, sachlich blieb, wurden andere deutlicher. Christiane Trilck, die einen Friseurladen in Neuhaus betreibt, konnte kaum an sich halten. „Was ist das hier für eine Menschlichkeit, wenn da die Leute rein gepfercht werden. Da sind doch viele junge Männer dabei, die ihre Bedürfnisse haben. Das bisschen, was wir uns hier an Tourismus erarbeitet haben, das geht doch komplett den Bach runter“.

Die Stimmung war geladen, die Spannung spürbar, doch abgesehen von einigen Zwischenrufen offensichtlich Rechter blieb es fast immer ruhig und sachlich. „Ich sehe, dass sie hier vor allem Bedenken und Sorgen haben, berechtigte“, erkannte Alexander Götz vom niedersächsischen Innenministerium schon früh. Und Götz setzte auf Ehrlichkeit. „Gegenwärtig muss das Land Niedersachsen pro Tag 1500 Flüchtlinge unterbringen“, sagte er. „Nein, müssen wir nicht“, schallte es ihm aus dem Publikum entgegen.“ Götz weiter: „Wir prüfen parallel bis zu 40 Standorte. Und so sind wir auf Sumte gekommen.“ Schon früh am Abend war klar, dass die Sache eigentlich schon entschieden ist. „Ich sage ja, sie sagen nein und ich sage trotzdem Ja“, fasste der solche Veranstaltungen wohl gewohnte Mann vom Innenministerium die Situation zusammen. „Ganz ehrlich, es geht um die Unterbringung der Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Hauptsache trocken, sicher natürlich und wenn es geht auch warm.“

Das Murren im völlig überfüllten Saal legte sich nicht. Die Polizei wird später von bis zu 600 Leuten ausgehen, die sich in und um das Hotel versammelt hatten. Der Polizeichef für die drei Kreise Lüneburg, Lüchow-Dannenberg und Uelzen, Hans-Jürgen Felgentreu, rückt in den Mittelpunkt des Interesses. Und macht sich gleich unbeliebt im Saal, weil er eine lückenlose Präsenz der Polizei nicht versprechen kann und will. Auch die Frage nach der Kooperation mit den Polizeikollegen in Mecklenburg-Vorpommern bleibt mit dem Verweis auf den Staatsvertrag im Ungefähren. Jeder im Saal weiß, dass die Polizei in Boizenburg und mit dem Erstaufnahmelager in Horst genug zu tun hat.

Derweil ist man im Schweriner Innenministerium sogar sauer über die niedersächsischen Pläne. „Ich verstehe nicht, warum ich erst aus den Medien erfahren muss, dass in Sumte tausend Flüchtlinge untergebracht werden sollen“, ärgerte sich Innenminister Lorenz Caffier (CDU). Durch die geografische Lage von Sumte direkt an der Landesgrenze und durch die Trennung des Amtes Neuhaus vom Mutterland Niedersachsen durch die Elbe ist Mecklenburg-Vorpommern von der Entscheidung in Hannover direkt betroffen. Gerade in dieser für alle schwierigen Situation wäre eine bessere Kommunikation auf Länderebene wünschenswert.

Das wünscht sich auch die Gemeinde Amt Neuhaus und ihre Bürgermeisterin Grit Richter, die die Versammlung mit dem Satz „Ich bin auch nicht in großem Maße informiert“, eingeleitet hatte.

Im Laufe des Abends gab es eine Menge Zusagen vom Land. Eine Überbelegung soll es nicht geben. Bei Mängeln werde sofort nachgebessert. Für die Betreuung der Flüchtlinge sei ein Schlüssel von einem Betreuer pro 50 Flüchtlinge festgelegt worden.

Jan Meier vom Arbeitersamariterbund startete einen energischen Versuch, die Menschen im Saal von ihren Ängsten zu lösen, indem er über seine Erfahrungen aus einem anderen Lager berichtete. Doch das wollte schnell niemand mehr hören, zumal auch klar wurde, dass Meier das Objekt in Sumte noch nicht einmal von innen gesehen hatte. Doch auch vom ASB gibt es klare Zusagen: Betreuung fast rund um die Uhr, ein ausreichend ausgerüsteter Sicherheitsdienst, der 24 Stunden da ist. Für die Bewohner der Notunterkunft soll es auch einen Shuttle-Service geben, der Einkaufen und die „Teilnahme am öffentlichen Leben“ ermöglichen soll. Wohin die Busse fahren, muss noch geklärt werden. Neuhaus selbst verfügt nur über zwei etwas größere Geschäfte. Den Shuttle-Dienst quittierten viele Einwohner mit Unmut – weil Sumte bisher über nur sehr wenige Busanbindungen verfügt.

Viel Kritik gab es auch in einem anderen Punkt: Anders, als von vielen dargestellt, war das Bürodorf in Sumte, in dem jahrelang ein Inkasso-Unternehmen arbeitete, eben nicht vollständig leer. Bis vor wenigen Tagen, so wurde es von Betroffenen geschildert, hätten im Dorf noch fünf Menschen Arbeit gehabt. Denen sei nun gekündigt worden. Alexander Götz vom niedersächsischen Innenministerium bestritt energisch, dass das Land damit etwas zu tun habe. „Uns ist das Objekt zur Miete angeboten worden. Wir wussten schlicht nicht, dass dort noch Menschen arbeiten und haben deren Kündigung auch nicht veranlasst.“

Am Ende, nach vielen Fragen, wurde vereinbart, dass es zeitnah weitere Infoveranstaltungen zu Sumte geben soll.

 

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

 


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen