Flüchtlings-Tagebuch : Das Schlüssel-Erlebnis

Im Container
Foto:
Im Container

Unsere Redaktion begleitet den Syrer Moha.

von
30. März 2016, 08:00 Uhr

Moha ist seit über einem Jahr auf der Flucht. Vergangenen September erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern will er ein neues Leben beginnen. Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn.

„Strange Days“ – Seltsame Tage. Mehr steht nicht in Mohas SMS. Der März ist fast vorbei. Seit über einem halben Jahr ist er nun schon hier. „Warum seltsam?“, tippe ich zurück. „Alle gehen, alles ändert sich“, antwortet Moha. Erst am Wochenende seien zwei syrische Familien in seiner Nachbarschaft weggezogen. Auch zwei der insgesamt sieben Männer aus seinem Wohncontainer sind inzwischen gegangen.

„Ich mache mir Sorgen“, schreibt Moha. „Warum?“ – „Das Sozialamt will den Container schließen. Der Besitzer hat gesagt, dass wir in zwei Wochen ausziehen müssen. Doch was dann passiert, weiß mal wieder keiner.“ – „Schlimmer kann es nicht werden“, versuche ich Moha aufzubauen. Er hat den Container mitten im Nirgendwo immer gehasst. Doch Moha schreibt: „Ich beginne, diesen Platz zu mögen.“ – „Wieso das?“ – „Die Sterne leuchten hier nachts so schön. Ich habe viele Erinnerungen an diesen Ort. Habe ich dir von den Schlüsseln erzählt?“ – „Nein, was meinst du?“ – „Ruf mich doch bitte an.“ Am Telefon erzählt mir Moha die Geschichte von den Schlüsseln. Dass das Türschloss vom Container kaputt war. Dass der Besitzer den Schlüssel mitnahm, um ihn zu reparieren. Und dass sie diesen eineinhalb Monate nicht zurückbekamen.

„Das heißt, ihr musstet die Tür immer auf lassen?“ – „Es ist nicht so, dass wir viel hätten, was man klauen kann“, scherzt Moha. Dann wird er ernster: „Plötzlich wollte der Besitzer von uns fünf Euro pro Schlüssel bekommen – für sieben Schlüssel. Wir fragten: Warum?“ – „Und warum?“, frage auch ich. „Weil wir dem Besitzer zur Reparatur nur einen Schlüssel gegeben hatten, dachte er, wir hätten die anderen sechs verloren. Aber wir hatten immer nur einen Schlüssel. Das habe ich auch unserer Sozialbetreuerin gesagt.“ Moha holt tief Luft, dann erzählt er weiter. „Sie sagte, wir hätten bei unserer Ankunft im Vertrag für sieben Schlüssel unterschrieben.“ – „Und der war auf deutsch?“, frage ich. „Ja. Und niemand hat ihn uns übersetzt“, sagt Moha. „Also habe ich unsere Sozialbetreuerin gefragt, ob wir jetzt die Idioten sind, weil wir den Vertrag unterschrieben haben, ohne ihn zu lesen. Und sie antwortete nur: Ja.“ Kurz ist es ruhig in der Leitung.

„Weißt du, was ich an diesem Ort sicher nicht vermissen werde?“, sagt Moha schließlich: „Die Sozialbetreuerin.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

Liebe Leserinnen und Leser,
im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserer Webseite haben wir unter diesem Text die Kommentarfunktion deaktiviert. Leider erreichen uns zu diesem Thema so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Kommentare, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Wir bitten um Verständnis.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert