Flüchtling aus Damaskus : Das Leben nach dem Selfie

Rodin Saouan zeigt das Selfie-Foto.
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Rodin Saouan zeigt das Selfie-Foto.

Ein Flüchtling, ein Selfie mit Merkel und die harte Wirklichkeit

svz.de von
29. August 2016, 21:00 Uhr

Die Kontaktaufnahme gelingt auf Deutsch. Seit fünf Monaten geht Rodin Saouan zum Unterricht, montags bis freitags je vier Stunden. Grundkenntnisse hat er schon. Das liegt auch an seiner deutschen Freundin. Stolz stellt er sie bei dem Treffen in Berlin vor. Es geht um die Bilanz eines Flüchtlings aus Damaskus, eines 26-jährigen Bauernsohnes, der nicht den Krieg, sondern die Zukunft suchte, als er im Dezember 2014 sein Land verließ. Und es geht um ein Selfie. Mit der Kanzlerin.

Saouan ist einer der wenigen Männer, die am 10. September 2015 vor der Erstaufnahmeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt in Berlin-Spandau mit dem Handy ein Foto von sich und Angela Merkel machen konnten. Das schafften damals nur noch ein paar weitere Flüchtlinge wie der Iraker Schakir Kedida. Dessen Gesicht ist viel bekannter, weil er seine Wange so nah wie möglich an die von Merkel drückte.

Die Euphorie der Männer war an dem Tag groß. Merkel kannten sie schon vorher von Bildern, sie war für sie die Retterin in der Not. Die, die die Tür nicht zuschlug, als sie um Hilfe baten. Und nun lief diese Frau an ihnen vorbei. Mama Merkel. Erst waren es nur Fotos aus der Distanz. Dann liefen sie so nah wie möglich neben dem Tross her. Merkel gab ihren Sicherheitskräften ein Zeichen, dass sie nicht eingreifen müssen. Sie fühlte sich nicht bedroht.

Wer die Szene damals beobachtete, sah erst eher schüchterne Flüchtlinge, die dann aber quasi nicht den kleinen Finger, sondern die ganze Hand nahmen. Merkel gewährte Selfies, lächelte auch, ahnte aber nicht, dass etwa Kedida gleich seinen Arm um ihre Schultern legt. Die Kanzlerin machte eine Abwehrbewegung. Schnell waren ihre Personenschützer zur Stelle. Das Ganze währte nur kurz, aber die Selfies waren gemacht und gingen um die Welt. Saouan kam sogar im arabischen Sender Al Jazeera zu Ruhm, berichtet er heute. Merkel brachten die Selfies dagegen viel Kritik ein. Sie habe damit weitere Flüchtlinge angelockt, wird ihr bis heute vorgeworfen.

Was hat Rodin Saouan damals empfunden? Saouan erzählt, dass er so stolz auf sein Foto mit Merkel war – und noch ist. Er hatte es gleich seinen Eltern geschickt. Die Botschaft war: „Jetzt bin ich in Sicherheit, ich bin bei Merkel.“ In Syrien habe sich auch vor dem Krieg nicht einmal jemand auf der Straße bewegen dürfen, wenn der Präsident im Auto vorbeifuhr. Aber Merkel sei ganz normal. Er wirkt irritiert, als er hört, dass für Deutsche Selfies mit der Bundeskanzlerin keineswegs üblich sind. Saouan will alles richtig machen in Deutschland. Seine Begeisterung ist aber getrübt. Er hätte nicht gedacht, dass alles so schwierig ist. Die Anforderungen an eine Arbeit oder, dass er noch viel besser Deutsch können müsste, um etwa in einer Reinigungsfirma zu arbeiten. Manchmal hat er Heimweh, findet seine Flucht sinnlos. „Ich hatte in Syrien keine Zukunft, aber in Deutschland habe ich vielleicht auch keine.“ Er darf jetzt bis 23. März 2019 in Deutschland bleiben. Er will unbedingt Geld verdienen. Er träumt von einem Job und davon, seine Eltern besuchen zu können – eben „von einem richtigen Leben“.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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