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Flüchtlingstagebuch : „Bei uns gibt es keinen Glühwein“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Unsere Redaktion begleitet den Syrer Moha. Flüchtlingstagebuch Teil 11

svz.de von
erstellt am 28.Dez.2015 | 20:30 Uhr

Moha ist seit über einem Jahr auf der Flucht. Anfang September erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern will er ein neues Leben beginnen. Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn.

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„Ich habe heute zwei tolle Geschenke bekommen und eines davon ist dieses.“ Moha schickt ein grinsendes Smiley mit Partyhut über Facebook. „Happy Birthday“, tippe ich zurück. Ein paar Freunde und ich haben zusammengelegt und ihm die Bahncard25 gekauft, damit er günstiger Zug fahren kann. Weil heute sein 31. Geburtstag ist und Weihnachten.

„Wie hast du Heiligabend verbracht?“, schreibe ich. „Ich bin zu meinem Bruder nach Köln gefahren“, antwortet Moha. „Mit dem Zug? Wie konntest du dir das leisten? Die Fahrt ist doch sehr teuer.“ Nach kurzer Zeit brummt mein Handy wieder. „46 Euro für das Deutschlandticket. Ich habe gespart. Aber da wäre die Bahncard sehr praktisch gewesen“, antwortet Moha. Fast 15 Stunden hätte er gebraucht. Schon eine der ersten Regionalbahnen hätte Verspätung gehabt und seinen ganzen Plan durcheinandergebracht. „Hier ist immer alles so kompliziert“, meint Moha. „Aber das Gute ist, es gibt immer Menschen, die helfen.“ Dann erzählt er, dass er bei seinem Bruder übernachtet hätte. Der lebe bereits seit drei Monaten in einer großen Erstaufnah- me-Einrichtung in Köln. Alles sei chaotisch und dreckig dort. „Da ist sogar Horst viel besser“, meint Moha. An Heiligabend wären sie dann in ein Café gegangen. „Mein Bruder wollte tanzen gehen, aber mir ist nicht nach Feiern.“ – „Außerdem feierst du doch gar kein Weihnachten oder?“ – „Ich nicht. Aber ich habe in Syrien einige christliche Freunde. Mit denen habe ich auch schon einmal zusammen gefeiert. Der 25. Dezember ist auch in meinem Land ein Feiertag.“ Ich versuche mir vorzustellen, wie wohl in diesem Jahr in Syrien Weihnachten gefeiert wurde. „Bing“, eine weitere Nachricht von Moha ploppt auf meinem Bildschirm auf. „In Syrien stellen die Christen auch Tannenbäume auf und Lichter in die Fenster. Wir sind dann oft mit dem Auto durch die Stadt gefahren und haben uns das angeschaut.“ – „Wie findest du Weihnachten?“, schreibe ich zurück. „Schön. Es ist immer gut, wenn die Menschen einen Grund zum Freuen haben.“ – „Ist Weihnachten in Syrien anders als hier?“ – „Nicht wirklich. Wir haben auch Weihnachtsmärkte. Aber bei uns gibt es keinen Glühwein und nicht so viele Tannen. Aber die Weihnachtsmärkte in Köln und auch in Schwerin sind sehr schön.“ – „Was hat dir hier an Weihnachten am besten gefallen?“ – „Die vielen Menschen auf dem Markt.“ – „Die vielen Men- schen?“ – „Ja. Eigentlich mag ich gerne die Ruhe. Aber bei meiner Unterbringung in Neubrandenburg – mitten im Nirgendwo – habe ich zu viel davon. Ich hoffe, dass ändert sich bald.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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