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Glücksfall nach dem Pleitedesaster

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erstellt am 16.Apr.2013 | 08:08 Uhr

Grevesmühlen | Für Jörg Ploen ist das Kapitel beendet: "In allen Gebäuden des ehemaligen CD-Werkes haben sich wieder Unternehmen angesiedelt", freut sich der Bürgermeister von Dassow. "Wir sind darüber hinweg." Von der einst größten CD-Schmiede ist nur noch die Gebäudehülle geblieben. Jahrelang stand Dassow durch eine der größten Firmenpleiten in der Öffentlichkeit. Von Subventionsbetrug war die Rede, Steuerhinterziehung, Kreditbetrug: "Der Ruf hatte gelitten", erinnert sich Ploen. Inzwischen aber habe sich der Standort komplett gewandelt, freut sich der 44-Jährige. Testsätze und Analysegeräte statt CD und DVD: Dassow macht jetzt in Medizintechnik. "Ein Glücksfall", meint Ploen. 2008 zog das Lübecker Medizintechnikunternehmen Euroimmun in einen Teil des alten CD-Werkes. Erst Ende 2012 kündigte das Unternehmen an, weitere 5,5 Millionen Euro in neue Büro- und Laborflächen investieren zu wollen und die vorhandenen 162 Arbeitsplätze um weitere 25 aufzustocken. In Nachbarschaft siedelte der Medizintechnik-Zulieferer GPE. Die alten Werkshallen seien zu guten Preisen verkauft worden, meint Insolvenzverwalter Marc Odebrecht. "Das ist das Optimum, was wir erreichen konnten. Alles ist verwertet." Und es geht voran: Dassow hat inzwischen ein weiteres 20 Hektar großes Gewerbegebiet hergerichtet - der Großteil der Flächen verkauft.

Bürgermeister Ploen kann es recht sein: Mit dem Zusammenbruch des CD-Werkes sei die Sorge groß gewesen, dass die Gebäude auf Dauer leerstehen bleiben könnten. Die Angst ist gewichen: Jetzt sorgen etwa zwei Dutzend Unternehmen für Betrieb - mit 700 Arbeitsplätzen. Das seien zwar immer noch 500 Beschäftigte weniger als einst im CD-Werk. Aber: "Die Arbeitslosigkeit in Dassow ist dennoch nicht so hoch", meint Ploen: "Wir profitieren von der Nähe zu Lübeck." Und doch sind die Auswirkungen der Pleite noch immer spürbar: Jahrelang habe das CD-Werk keine Steuern gezahlt und Investitionen abgeschrieben. Als dann 2005 und 2006 erhebliche Gewerbesteuern fällig wurden legte das CD-Werk Widerspruch ein und die Stadt musste die Steuern zurückzahlen, erklärte Ploen. Die Folge: Durch das damals höhere Steueraufkommen in den beiden Jahren zahlte das Land später geringerer Zuschüsse, die Kreis- und Amtsumlage stieg - und Dassow rutschte mit zwei Millionen Euro ins Minus. "Daran krebsen wir nach wie vor", meint der Bürgermeister. "In der Stadtkasse ist vom CD-Werk nichts hängengeblieben." Beim Chef ehemaligen Chef des CD-Werkes schon: Wilhelm F. Mittrich findet sich bereits wieder in der internationalen Firmenwelt zuhause: heute China, morgen USA. Filme statt CD: inzwischen versucht er mit der Firma imcube im 3D-Filmgeschäft mitzumischen. CEO, Vorstand, für das Chinageschäft sei er, wirbt er auf der imcube-Internetseite für sich. Unter seinem Management sei das CD-Werk in Dassow vom 40-Mann-Unternehmen zum größten CD- und DVD-Hersteller Europas mit 2300 Mitarbeitern aufgestiegen, steht dort - kein Wort von einer der größten Firmenpleiten in Ostdeutschland. Mittrich zieht durch: Beim Internationalen Medienkongress in Berlin schwärmte er im vergangenen Jahren schon wieder von "gigantischen" Zahlen, "großzügiger Förderung" im Chinageschäft für 3D-Filme. Wie in Dassow: Auch dort pumpte der Staat trotz aller Warnungen 33 Millionen allein an Investitionsförderung in Mittrichs Unternehmen, das auf eine Billigpreisstrategie setzte, auf ein rüdes Arbeitsklima im Unternehmen, auf Drohungen, die Arbeit in noch billigere Länder aus Dassow abzuziehen. Mittrich ist noch immer überzeugt: "Managementfehler" im CD-Werk, "Pleitiers" in Dassow, die Disc-Schmiede "eine der größten Förderpleiten in MV" - alles "falsche Berichterstattung", stellte der Manager jetzt noch mal per Email klar. Und doch lässt Mittrich die Pleite noch nicht los: gegen ihn läuft noch eine Zivilklage. Insolvenzverwalter Odebrecht fordert Schadensersatz und macht Ansprüche gelternd.

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