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Der vergessene Prozess von Dassow

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erstellt am 18.Apr.2012 | 05:37 Uhr

Schwerin | Verfahrensmarathon der Ex-Manager: Vier Jahre nach dem folgenreichen Zusammenbruch des CD-Werkes Dassow und dem Verlust von mindestens 1200 Arbeitsplätzen bleibt eine der größten Firmenpleiten in MV für das unter Betrugsverdacht stehende Management noch immer ohne juristische Konsequenzen. Auch fast acht Monate nach Prozessbeginn zieht sich das Verfahren gegen drei ehemalige Manager in die Länge - Ende offen. Seit Mai wird den einstmals von der Landespolitik hofierten Star-Unternehmern vor dem Schweriner Landgericht der Prozess gemacht - wegen Subventionsbetrug und Steuerhinterziehung. Der von der Staatsanwaltschaft bezifferte Schaden: knapp 20 Millionen Euro. Die Anklage wirft den Geschäftsführern unter anderem vor, durch falsche Angaben beim Finanzamt und Landesförderinstitut zu hohe öffentliche Beihilfen kassiert zu haben. Zudem sollen die Manager auf der Suche nach frischem Kapital wissentlich falsche Angaben zur finanziellen Situation der Dassower Firmen gemacht haben - mit Millionenschaden für Schweizer Kapitalgeber. Die hatten sich vom Dassower Management überzeugen lassen und zwölf Millionen Euro in die CD-Schmiede gesteckt. Das Geld war nach der Insolvenz verloren.

Zähe Befragungen, unzählige Akten, verwirrende Geschäftsverbindungen: Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt ist in dem Prozess an mehr als zwei Dutzend Verhandlungstagen inzwischen die Beweisaufnahme im Zusammenhang mit den Beihilfezahlungen nahezu abgeschlossen worden, im Fall des Millionengeschäftes mit den Schweizer Kapitalgebern soll die Beweislage bis Ende Februar geklärt werden. Bislang habe das Gericht für den 21. Februar den vorerst letzten Verhandlungstermin angesetzt, sagte Detlef Baalcke, Sprecher des Landgerichts, auf Anfrage unserer Redaktion. Bis dahin sollen weiteren Zeugen gehört werden - darunter Mitarbeiter aus der ehemaligen Buchhaltung des Werkes aber auch ein Betriebsrat. Beobachter vermuten aber, dass ergänzende Beweisanträge gestellt werden und sich der Prozess weiter in die Länge ziehen könne. In das wegen seiner aggressiven Billigpreisstrategie massiv in die Kritik geratene Werk von Ex-Firmenchef Wilhelm F. Mittrich hatte die öffentliche Hand trotz deutlicher Warnung einst mehr als 30 Millionen Euro an Steuergeldern gepumpt. Zusätzlich flossen Fördergelder der Arbeitsverwaltung. Verlorene Zuschüsse: Nach zwei Insolvenzen 2007 und 2008 gehört Dassow zu den größten Beihilfepannen in Ostdeutschland.

Ex-Manager Mittrich und Co. drohen indes noch weitere Verfahren. So erhebt der Insolvenzverwalter Marc Ode brecht noch immer finanzielle Forderungen gegen das Ex-Management. Mit entsprechenden Klagen sollen zivilrechtliche Ansprüche durchgesetzt werden, kündigte der Rechtsanwalt gestern an. Nach dem Zusammenbruch der CD-Produktion in Dassow seien mittlerweile alle Sachanlagen wie Gebäude und Maschinen verkauft - "mit ganz gutem Ergebnis", meinte Odebrecht. Inzwischen seien auf dem Gelände des ehemaligen CD-Werkes neue Branchen angesiedelt worden. Nur: "Das Insolvenzverfahren dauert noch eine Weile", meint Odebrecht.

Indes hat Dassow den größten Schock nach dem Ende des nach eigenen Angaben einst größten CD- und DVD-Produzenten für den europäischen Markt nahezu überwunden. Zwar spüre die Stadt noch immer die finanziellen Folgen, meinte Bürgermeister Jörg Ploen gestern. Nach dem Ausbleiben der Steuerzahlungen des CD-Werkes war die Stadt ins Minus gerutscht. Inzwischen herrsche wieder Betrieb im Gewerbegebiet, meinte Ploen. Medizintechnik statt CD-Pressen: Mehrere Unternehmen seien in die alten Werkshallen eingezogen. Weitere kommen hinzu: So werde morgen die Erweiterung des 20 Hektar großen Gewerbestandorts um weitere fünf Hektar abgeschlossen, sagte Ploen. Arbeit für ehemalige CD-Werker: 1200 Jobs wie einst im CD-Werk gebe es zwar noch nicht wieder. Zumindest 350 seien inzwischen aber wieder entstanden, erklärte der Gemeindechef.


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