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Nachrichten

23. November 2017 | 23:26 Uhr

Heute ist Frauentag : Liebe Frau, lieber Mann...

vom

Seit 1921 wird der Internationale Frauentag jährlich am 8. März gefeiert. Unsere Redakteure schildern, was dieser Tag für sie bedeutet:

svz.de von
erstellt am 08.Mär.2017 | 05:00 Uhr

 
LIEBE FRAU (Sebastian Schramm)

…ich erinnere mich gut: Ich war nicht im Ansatz ein Mann, eher ein bartloser Bub. Du dachtest trotzdem an mich. Morgens, wie immer schlecht gelaunt, tapste ich in die Küche. Auf dem Tisch lag ein Geschenk, darauf eine Karte: „Für Papa“. Eine Aufmerksamkeit zum Herrentag. Daneben stand noch eine Kleinigkeit. Sie war für mich. Dabei war ich doch noch kein Mann, geschweige denn ein Vater, der an diesem Feiertag geehrt werden soll.

Ich sei einer deiner zwei Männer, sagtest Du mir, es wäre nur gerecht, wenn ich auch etwas bekäme. Ein paar Wochen später, der 1. Juni. Wieder schritt ich morgens mit noch halb geschlossenen Augen in die Küche. Und wieder stand eine Aufmerksamkeit auf dem Tisch, dazu eine Karte, in der Du mir alles Gute zum Kindertag wünschtest. Aber Mama, fragte ich Dich, ich dachte, ich sei jetzt ein Mann, du hast mir doch etwas zum Herrentag geschenkt! Ja, Basti, das stimmt, sagtest Du, „aber Du wirst immer mein Kind bleiben, egal wie alt du bist.“ Du weißt ja, wie es heißt: dass keine andere Frau das Leben eines Mannes mehr beeinflusst als die Mutter. Es stimmt.

Du hast mir das Leben beigebracht, es in jedem Fall immer versucht. Weißt Du noch, als ich ausgezogen bin? Du schriebst mir auf einen A4-Zettel, wie ich Wäsche waschen muss: welche Farben bei welcher Temperatur. Heute lachen wir Tränen.

Manchmal kamst Du mit schlechter Laune von der Arbeit und hörtest nicht mehr auf, über alles zu schimpfen. Ich verstand Dich nicht. Bleib locker, dachte ich mir, das bisschen Haushalt sei nicht schlimm. Ich Idiot! Du hast Dich für uns zerrissen, tust es noch immer. Verantwortung übernehmen, für seine Liebsten da sein: Danke für die Werte, die Du mir mitgegeben hast. Ich muss Dich zweimal ehren: Heute zum Tag der Frau und bald zum Muttertag. So wie Du es bei mir gemacht hast.    

    

 
 
LIEBER MANN (Stefanie Milius)
...hab ein offenes Ohr, wenn Deine Liebste genervt von der Arbeit kommt und den Frust bei Dir ablädt. Lieber Sohn, nimm Deine Mutter herzlich in den Arm, wenn sie Dich übervorsorglich mit Ratschlägen überhäuft. Lieber Enkel, lächle einfach, wenn Deine Großmutter mal wieder alles besser weiß. Lieber Kumpel, halte statt einer Standpauke lieber die Schulter zum Ausweinen hin, wenn Deine beste Freundin von Liebeskummer geplagt wird. Kurzum liebe Männer, habt etwas Geduld mit uns Frauen. Bitte straft uns nicht mit lauten Seufzern und rollenden Augen, wenn Ihr unsere Gedankengänge nicht nachvollziehen könnt. Wir sind eben kompliziert – zumindest manchmal. Aber macht das nicht den Reiz aus? 

 

 
 
LIEBE FRAU (Max-Stefan Koslik)

 …die DDR hat mir den Frauentag versaut. Früh morgens schritt der Chef mit einem Jutebeutel voller Piccolöchen – natürlich mild – durch die Abteilung und drückte jeder Frau ein Fläschchen in die Hand. Dann die (Kampf-)Ansage, dass jeder Tag Frauentag sein sollte. Am Nachmittag Kaffeetrinken – und der Chef schenkte ein.

Und am nächsten Tag war alles wieder normal. Die Sekretärin schenkte ein.

So nicht! Aber was ist dann mit dem Frauentag?

Ich habe opportunistisch versucht, was ich gelernt habe. Ich habe Prosecco-Döschen verteilt. Aber da findet sich immer eine Power-Frau, die mit einem gut vernehmlichen „Pah“ die Dose an den Rand des Schreibtisches schiebt. Dort steht sie dann als Mahnmal für den Deppen.

 Ich habe den Tag ignoriert. Dann findet sich immer ein anderer, der jeder Frau eine Rose auf den Schreibtisch legt...

Also dachte ich darüber nach, was es eigentlich zu feiern gibt. Männer, denken, Frauen – gefährliche Konstellation. Natürlich kommt man zuerst auf Liebe. Faust und Gretchen. Ging schief. Die von der „Legende vom Glück ohne Ende“ von Plenzdorf. Wie der Titel sagt, eine Legende. Frauen und Männer sind nur glücklich gemeinsam, wenn sie gemeinsam unglücklich sind. Sieht mann ja bei „La La Land“.

Also, ist es doch ein Kampftag? Da höre ich schon Alice Schwarzer: „Schaffen wir ihn endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.“ Da ist es wieder, jeder Tag...

Ein Freund erzählte mir kürzlich sein Vorabenderlebnis. Er wollte seine Frau ins Kino begleiten zu „Fifty Shades of Grey “, und erntete dafür ein „Du bist aber mutig“. Er fand sich in einem Kinosaal voller Frauen wieder. Ich glaube, ihm hat es gefallen. 

Das hilft jetzt zwar nicht über den Frauentag, aber es ist eine schöne Geschichte.

Ich nehme jedenfalls heute sicherheitshalber frei, mit Dir.         

 

 
LIEBER MANN (Viviane Offenwanger)

...ich weiß, dass für Dich heute kein besonderer Tag ist – eher ein typischer Mittwoch. Du hältst nicht viel davon, mich an bestimmten Tagen mit Geschenken erfreuen zu müssen. Alles eine Erfindung des Einzelhandels, um noch mehr Geld zu machen, sagst Du. Schade, denn viele andere Männer sind auf den Zug aufgesprungen – überraschen ihre Partnerinnen mit Blumen, Pralinen und mehr. Und ich? Ich gehe heute leer aus.

Russin müsste man sein, denke ich mir. Denn im Land der Extreme ist es nahezu Pflicht, Frauen heute zu beschenken. Die Werbung empfiehlt dafür eine Bulgari-Uhr. Und keine Sorge, ob mit oder ohne Diamanten ist gar nicht so wichtig – schließlich sei es die Geste, die zählt. Dass das bei uns nichts wird, ist mir bewusst. Und macht mich – weil ich eben eine Frau bin – traurig.

Zumindest, bis ich wieder nach Hause komme und merke, dass Du mich jeden Tag beschenkst. Nicht mit Blumen – die verwelken schließlich so schnell, sagst Du. Erst recht nicht mit einer Bulgari-Uhr, die sei totale Geldverschwendung. Nein, mit materiellen Geschenken hast Du es nicht so. Aber das ist okay. Dafür machst Du regelmäßig die Wäsche, hilfst mir im Haushalt und zeigst mir jeden Tag, dass ich für Dich etwas Besonderes bin. Also danke für nichts. Und danke für alles, was Du mir hinter den Kulissen schenkst.

 

 
LIEBE FRAU (Holger Kankel)

…ja, Euch meine ich, die „Ewig-Weiblichen“, die uns Männer angeblich „hinanziehen“, wie Meister JWG im „Faust“ schrieb, und was er damit meinte, konnte mir mein guter, alter Deutschlehrer damals auch nicht befriedigend erklären. Heute habe ich eine Ahnung davon…

Also, Ihr Geliebten, Mütter und Freundinnen, Ihr Kolleginnen in der Alltagsgaleere und Du geheimnisvolle, ewig rauchende Nachbarin auf dem Balkon gegenüber. Ihr verehrten Schauspielerinnen, Ihr Frauen im Mond und in den Mondscheinträumen. Ihr unvergessenen Großmütter von Deutschlands schönster Insel, deren Geschichten, Gene und Kochrezepte in mir weiterleben. Du schöne Große in Deiner fröhlichen Einsamkeit und Du nur manchmal noch trinkfreudige Nachbarin und auch Ihr kleinen Frauen an den Supermarktkassen, denen Tamara ein Denkmal gesungen hat. Ihr alten, jungen Tanten, die Familienfeiern mit ihren schmutzigen Witzen seit Jahrzehnten erträglich machen. All Ihr Vergessenen, Verflossenen, Verratenen. Ihr roten Zoras, falschen Schönen und schönen Unbekannten. Und natürlich Du.

Euch allen würde ich viel öfter liebend gern Liebesbrief auf Liebesbrief schreiben. Leider ist das Liebesbriefschreiben ein wenig aus der Mode gekommen. Nur die Liebe, wie es in dem Bestseller der Bestseller heißt, die Liebe hört niemals auf.

 

 
LIEBER MANN (Josefine Rosse)

...die Haare zerzaust, der Mantel noch offen, an jeder Hand ein Kind, ein drittes vor der Brust. Erst zur Schule, dann zur Kita. Das Baby schreit. Die junge Frau beschwichtigt. Wie schafft sie das nur, frage ich mich und bewundere sie für ihre starken Nerven.

Frauen sollen Mütter sein, sie sollen Karriere machen, stets gut aussehen, sie sollen emanzipiert sein, aber bitte nicht zu sehr, den Haushalt in Schuss halten und gleichzeitig ihrem Mann den Rücken stärken. Sie sollen mindestens drei Mal pro Woche zum Sport gehen und ihre sozialen Kontakte pflegen. Schade, dass der Tag nicht 48 Stunden hat... Wir stellen Erwartungen an das andere Geschlecht, die niemand erfüllen kann. Wir suchen nach dem Perfekten, ohne ansatzweise selbst perfekt zu sein. Wir streben nach Idealen und ignorieren dabei den Spiegel. Ich bin weder verheiratet, noch habe ich Kinder. Tatsächlich habe ich nicht einmal einen Freund. Mittlerweile fragt sogar meine Großmutter in regelmäßigen Abständen, wann ich denn endlich meine große Liebe finden will. Als sei dies so einfach, im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten... und als ließe sich Liebe heraufbeschwören. „Wie soll er denn sein, dein Mister Perfect?“, fragte vor kurzem eine gute Freundin. Ich antwortete: „Er muss mir auf Augenhöhe begegnen.“ Ich brauche keine Pralinen, Blumen und Sekt, um glücklich zu sein.

Der Frauentag hat für mich keinen Stellenwert mehr. Vorangegangene Generationen sehen dies wahrscheinlich anders. Doch muss es eigens einen Tag geben, um die Frauen der Schöpfung wertzuschätzen? Natürlich eignet sich so ein Datum ausgezeichnet, um gesellschaftliche Missstände hervorzuheben: Warum müssen wir immer noch über Gleichstellung und gerechte Löhne diskutieren? Warum lesen wir immer wieder Nachrichten von Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden? Warum müssen Frauen auf die Straße gehen, um gegen Sexismus zu demonstrieren? Ist die Würde des Menschen nicht unantastbar? Und erfordert dies nicht auch einen respektvollen Umgang miteinander – zu jeder Zeit, an jedem Ort? Schließlich sollten wir nie vergessen: Wir alle haben unser Leben auch einer Frau zu verdanken.

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