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Lokales

16. Dezember 2017 | 19:49 Uhr

Zwischen Wohnwagen und Manege

vom

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erstellt am 29.Sep.2010 | 07:52 Uhr

Ludwigslust | Wenn bei Circus-Familie Sperlich gekocht wird, dann hat Mutter Carmen alle Töpfe voll zu tun. Zehn Familienmitglieder, dazu noch zehn weitere Circus-Artisten und Mitarbeiter wollen satt werden. Es gibt Kiloweise Spaghetti für die nötige Energie, um das auf dem Ludwigsluster Festplatz wieder aufzubauen, was eben erst in Dannenberg abgebaut wurde: ein großes Zirkuszelt nebst 14 Meter hohen Masten, Tribünen für über 500 Menschen und Einzäunungen für rund 60 Tiere.

Mit wuchtigen Schlägen hämmern Ricardo, Jeffrey und David eine Eisenstange in den Boden, auf dem früher Kasernengebäude standen. 42 Eisenanker müssen eingerammt werden, damit kein Herbststurm das Zelt aus seiner Verankerung reißen kann. Das ist Schwerstarbeit. "Uns sind schon einige Hammer kaputt gegangen, denn der Boden ist steinhart", sagt Ricardo, eines von sieben Kindern und ältester von fünf Söhnen der Familie Sperlich. Fünf Uhr aufstehen, nachts um 1 Uhr Bettruhe - die Tage der Circus-Leute sind lang, die Nächte kurz. "Alles Routine", sagt Vater Harry mit der Gelassenheit, die wohl nötig ist, um eine 70 Standorte umfassende Deutschland-Tournee zu stemmen. Seit März sind sie unterwegs mit ihren zehn Wohnwagen und 14 Lkw-Aufhängern, die jetzt in Ludwigslust eine Wagenburg um die Fläche bilden, in deren Mitte nach zwei Tagen Arbeit das Manegenzelt stehen wird.

Attila und Khan liegen stoisch kauend auf der Wiese und lassen an diesem Nachmittag das hitzige Temperament vermissen, mit dem ihre Namen in Verbindung gebracht werden. Sie schauen unaufgeregt dem ungarischen Steppenbullen Kaja bei der Nahrungsaufnahme zu und lassen sich auch nicht von den etwas quirligeren Ziegen und dem rastlos über das Gelände hetzenden Mischlingshund-Trio aus der Ruhe bringen. "Um die Tiere kümmere ich mich", sagt Circus-Chef Harry, bevor er die Crew zum Essenfassen ruft. Am Donnerstag, wenn die Generalprobe für die fünf geplanten Vorstellungen in Ludwigslust beginnt, dann wird seine Frau auf dem Seil tanzen, Sohn Ricardo am Trapez hängen und sein jüngster Filius Maik zeigen, was man so alles auf dem höckerigen Rücken von Khan veranstalten kann.

Zeltabnahme und Besuch von Mitarbeitern des Veterinäramtes - bevor am Freitag um 16 Uhr die erste Vorstellung beginnt, statten die Behörden den Sperlichs noch einen Besuch ab. "Alles muss seine Richtigkeit haben", sagt Carmen Sperlich, die die vierte Generation der Circus-Familie verkörpert. "Das Circus-Leben ist hart", sagt die 42-Jährige, aber unzufrieden sei sie keineswegs. Tradition verpflichtet, und durchschnittlich 200 Gäste pro Vorstellung hätten den Circus Monaco bisher besucht. "Die Einnahmen reichen aus, um den Betrieb zu unterhalten und davon zu leben", sagt sie. Doch Konkurrenz sei genug auf dem Markt. "In Deutschland gibt es um die 430 Zirkusse, die auf Tournee gehen", sagt der gebürtige Schweriner Harry Sperlich.

Noch zehn Mal auf- und abbauen, dann geht es ins Winterquartier nach Lübtheen, dort, wo auch ihr Zuhause ist, dass nicht auf vier Rädern durch die Republik gezogen wird. Equipment reparieren, neue Tournee vorbereiten, Circus-Projekte in Schulen durchführen. Richtig Ruhe kehrt dann auch nicht ein. Aber die Tage werden etwas kürzer und die Nächte länger. Und Essen für 20, das muss Mutter Carmen dann auch nicht machen.

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