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Lokales

23. November 2017 | 16:11 Uhr

Probesitzen als Abschreckung : Zu Gast im Knast

vom

"Schocktherapie" der besonderen Art, durchgeführt vom Verein "Gefangene helfen Jugendlichen": Ein Ex-Häftling erzählt Jugendlichen, wie es wirklich ist, das Leben hinter Gittern. Nämlich alles andere als cool.

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erstellt am 15.Jan.2011 | 04:32 Uhr

Grabow | Es ist eine "Schocktherapie" der besonderen Art: Ein Ex-Häftling erzählt Jugendlichen, wie es wirklich ist, das Leben hinter Gittern. Nämlich alles andere als cool. Wenn Volkert Ruhe vom Verein "Gefangene helfen Jugendlichen" mit Schülern spricht, hören auch die größten Rabauken gespannt zu.

47 Neuntklässler der Regionalen Schule "Friedrich Rohr" haben bis Ende letzten Jahres freiwillig an dem zehnmonatigen Kurs "Endstation Santa Fu - Dein Leben endet hier" teilgenommen. Die Jungen und Mädchen sollen so lernen, was passiert, wenn man straffällig wird. Sie sprechen im Hamburger Gefängnis u. a. mit Vertretern der Polizei und auch mit Vollzugsbeamten. Die Heranwachsenden erfahren aus allererster Hand von der Eintönigkeit im Knast, der Einsamkeit. Erfahren vom Auf- und Abtigern in der Zelle, von der Enttäuschung, wenn wieder mal keine Post oder der lang angekündigte Besuch kam.

"Beim Reingehen sind die noch obercool, wenn sie rauskommen, sehen sie nach den Gesprächen mit den Gefangenen ganz anders aus", sagt Mark Klinkenberg. Er weiß: Die Schicksale der Häftlinge brennen sich den Neuntklässlern tiefer ein als jede Ermahnung. Während der sieben bis acht Stunden im Knast tauen auch Verschlossene unter den Besuchern auf. Denn die Reise zu den eigenen sowie fremden Klippen und Konflikten kostet nicht nur die Inhaftierten Kraft. Auch die jungen Leute haben mächtig daran zu schlucken. An der ungeschminkten Realität. Und den oftmals geläuterten Erzählungen von Mördern, Vergewaltigern und anderen Gewaltverbrechern. Ob der Ausflug hinter echte Gitter verhindert, dass die Gäste auf die schiefe Bahn geraten, bleibt fraglich. Zu wünschen wäre es jedenfalls.

Im Ergebnis dieser Prävention haben die Grabower Regionalschüler im letzten Jahr sogar zusammen mit dem Gefangenen-Verein ein Buch herausgegeben. Es heißt "Endstation Santa Fu - Dein Leben endet hier " und berichtet über ihre Eindrücke, ist unter anderem gespickt mit Fotos und Erkenntnissen. Es befasst sich auch mit den Themen Gewalt, Kriminalität, Drogen, Opfer und Weißer Ring. Die Mädchen unter den Kursteilnehmern haben dafür die Justizvollzugsschule in Neumünster besucht und sich in einer nachgebauten Zelle einschließen lassen. Nach einigen Minuten wollten sie jedoch schon wieder in die Freiheit entlassen werden.

Klinkenberg bezeichnet den Kontakt zum Hamburger Verein "Gefangene helfen Jugendlichen" als wahren Glücksgriff. Die Zusammenarbeit bestehe nunmehr seit fünf Jahren, erinnert sich der 32-Jährige, der seit 2006 das Amt in der Bunten Eldestadt inne hat. "In den paar Stunden sind Menschen zwar nicht zu läutern", weiß auch Mark Klinkenberg. "Aber kleinlaut sind alle hinterher. Keiner will hier noch mal rein", bilanziert der Amtsjugendpfleger. Das muss in den Ohren der "Knackis" wahrlich wie ein Lob klingen.

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