Zu dick, zu unsportlich

Unsere Kinder werden immer dicker und unsportlicher - dieses Fazit ist nicht neu und wurde dieses Jahr zum wiederholten Male bei Schuluntersuchungen bestätigt. Experten beobachten die Entwicklung mit Sorge, ebenso Eltern - und versuchen gegenzusteuern.

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11. Juli 2009, 08:09 Uhr

Prignitz | Wenn sich mittwochs 30 kleine "Turntiger" in der Bad Wilsnacker Karthanehalle tummeln, dann sieht das schon ziemlich gekonnt aus. Auf einem Bein hüpfen, auf dem großen Trampolin springen, Rolle vorwärts - und zum Schluss: Anstellen, in einer Linie. Keine Selbstverständlichkeit, sagt Übungsleiterin Karin Sirrenberg. Gemeinsam mit Anja Weber hob sie die "Turntiger" - ein kostenloses Angebot, wie sie betonen - vor rund drei Jahren aus Taufe. Die beiden berufstätigen Mütter kooperieren eng mit dem Wilsnacker Turnverein "Eintracht". "Nicht wenige Sprösslinge, die neu in unsere Gruppe kamen, waren zu Beginn regelrecht steif. Sie haben sich allerdings gut entwickelt", sagt Sirrenberg und stellt zugleich fest, dass Kinder heutzutage viel zu wenig Ball spielen, kaum Kreisspiele kennen, nicht mehr so belastbar seien. Anleitung sei wichtig, das gezielte Trainieren von Bewegungen, wie Rückwärtsgehen, Balancieren.

Damit spricht Sirrenberg Dr. Ulrich Kreßner aus dem Herzen. Der Mediziner leitet beim Landkreis Prignitz den Sachbereich Kinder- und Jugendgesundheitsdienst. Die aktuellste Schuleingangsuntersuchung belegt, dass an die vier Prozent der Kinder unter Bewegungsstörungen leiden. Zu den Test-Übungen, die die angehenden Abc-Schützen absolvieren müssen, gehören unter anderem auf einem Bein hüpfen, stehen oder auch Rückwärtsgehen. Im Landkreis wurden rund 560 Mädchen und Jungen untersucht. Tendenziell, so Kreßner, nähmen die motorischen Probleme zu. Und sie seien in engem Kontext zum kindlichen Übergewicht zu sehen: "3,4 Prozent der Jungen und 4,2 Prozent der Mädchen sind adipös." Wesentlich bedenklicher findet Kreßner die Ergebnisse der Schulabgangsuntersuchung: Auf etwas mehr als zehn Prozent steigt der Anteil der übergewichtigen jungen Menschen in der Prignitz im Laufe der Schulzeit an. "Das ist eine Verdreifachung" und liege zudem über dem brandenburgischen Landesschnitt. Kreßner vertritt ohnehin die These, dass Bewegungsmangel und zu wenig Sport nicht allein die Defizite in Motorik und Belastbarkeit verursachen. Die Ernährung spiele eine im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Rolle. Fast Food statt Schulspeisung, das hinterlasse Spuren. Hinzu komme, dass Kinder heutzutage weniger Chancen hätten, sich zu bewegen, auszutesten. "Sie können nicht mehr so schnell rennen, so weit springen wie früher", meint der Arzt.

Eine Beobachtung, die auch Holger Lattorff, Geschäftsführer des Kreissportbundes Prignitz e. V. (KSB), nicht fremd ist. An Hand seiner Statistiken kann er ablesen, dass insbesondere die Zahl der in Sportvereinen organisierten 14- bis 18-Jährigen zu wünschen übrig lässt. 562 sind es aktuell im Landkreis. Zwischen sechs und 14 Jahren sind es fast drei Mal so viele: 1495. Mit dem Projekt "Kooperation Sportverein-Schule" setzt der KSB einen Hebel an. "In diesem Jahr haben wir über 40 Übungsgruppen mit jeweils mindestens 15 Schülern. 20 Sportvereine machen mit. Damit erreichen wir etwa 700 bis 800 Kinder, die noch nicht in Sportvereinen organisiert sind." Nach Erfahrungen des KSB bleiben etwa 15 Prozent in den Vereinen "hängen".

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