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Lokales

22. September 2017 | 08:26 Uhr

Zerplatzte Architekten-Träume

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svz.de von
erstellt am 25.Okt.2010 | 09:56 Uhr

Schwerin | Ein Messezentrum für 8000 Besucher an der Wismarschen Straße, ein Sportzentrum am Medeweger See und eine Schwimmhalle mit 50-Meter-Bahnen, Sprungtürmen und Freibad gleich neben der Sport- und Kongresshalle - Schwerin könnte heute ganz anders aussehen, wenn ehrgeizige Projekte aus den vergangenen 100 Jahren tatsächlich gebaut worden wären. Das meint

jedenfalls Jörg Moll. Der Kunsthistoriker, der im Stadtarchiv arbeitet und gleichzeitig im Vorstand des Stadtgeschichts- und -museumsvereins sitzt, hat fünf ambitionierte Pläne näher beleuchtet.

Schule am Schelfmarkt

Das Neustädtische Rathaus am Schelfmarkt, das im 20. Jahrhundert das Stadtbauamt beherbergte und heute als Wohnhaus dient, sollte um 1880 zur großen Schule umgebaut werden. Bereits Mitte der 1870er-Jahre war dort ein Teil der Bürgerknabenschule untergebracht. "Wegen der wachsenden Bevölkerungszahl reichten die Räume nicht mehr aus, ein Neu- oder Umbau sollte die Situation verbessern", erklärt Moll. 20 Meter breit und 32 Meter lang sollte dieser sein und 16 oder in einer zweiten Variante 14 Klassenräume beherbergen. Innovative Idee: Die jeweils aneinanderstoßenden Räume sollten durch Doppeltüren verbunden werden, damit gegebenenfalls auch ein Lehrer zwei Klassen beaufsichtigen kann "was bei der Knappheit der Zahl der städtischen Lehrer bedauerlichst fast in jedem Vertretungsfall nothwendig ist", zitiert Moll die Akten von 1880. Im Sommer wurde das Neubauprojekt aus Kostengründen für drei Jahre vertagt, das Problem aber nicht gelöst. Es folgten neue Pläne und Gutachten. Doch das Schulhaus wurde nie gebaut, stattdessen wenige Jahre später an der Amtstraße die Heinrich-Heine-Schule eröffnet.

Messehalle am Kläterberg

Am 7. März 1924 wurde das Projekt einer Messehalle am Kläterberg - wo heute das Gebäude der ehemaligen Becher-Schule steht - erstmals erwähnt. Der Verein der Schweriner Gastwirte reichte wenig später einen Bauantrag ein für eine dreigeschossige Halle in riesigen Ausmaßen: 105 mal 60 Meter groß mit 18 000 Quadratmeter Innenfläche. Platz für 8000 Besucher sollte sie bieten. "Willy Taebel war der beauftragte Architekt. Er arbeitete zwischen 1911 und 1929 in Schwerin, 60 Bauprojekte von ihm sind mir bekannt. Die Messehalle entwarf er als ein für seine Zeit extrem modernes Gebäude, das mit expressionistischen Säulenelementen an der Fassade und dem Eingangsportal an das Chile-Haus in Hamburg oder den Borsingturm in Berlin erinnert", sagt Moll. Expressionistische Bauelemente gäbe es heute in Schwerin nur noch über dem Eingang des "New Yorker" im Schlosspark-Center zu sehen. Das ehrgeizige Projekt scheiterte schon ein Jahr später - am fehlenden Geld.

Sportpark am Medeweger See

Eine Badeanstalt mit Umkleidehäuschen und Gastwirtschaft in Fachwerk-Optik, einen Hockeyplatz, eine Faustballanlage, ein Tennisstadion sowie ein Clubhaus - die Idee für diesen Sportpark konkretisierte sich 1935. Standort: am Medeweger See, gleich hinter der Festhalle (heute KGW), die - von den Nationalsozialisten in Auftrag gegeben - ein Jahr zuvor als Ort für Großveranstaltungen errichtet worden war. Als größtes Problem für die Realisierung des avisierten Sportzentrums stellte sich indes die Erreichbarkeit heraus: Um von der Festhalle zum See zu gelangen, musste die Eisenbahntrasse überquert werden. Im Februar 1937 einigte sich das Stadtbauamt auf eine leichte Holzbrücke für den Fußgängerverkehr. Etwa zehn Briefe und Vermerke später, es ist bereits Mai 1938, stellte die Stadt einen Antrag ans Arbeitsamt, um eine Freigabe für die Arbeitskräfte und die notwendigen 2,6 Tonnen Eisen- und Stahlmengen zu bekommen, recherchierte Moll. Im Juni wurden die Ausschreibungen vorgenommen und auch Aufträge erteilt. Doch das Arbeitsamt stellte den Antrag der Stadt im August 1938 zurück: Da die Brücke nur als Zugang zur künftigen Sportanlage diene, könne sie bis zu deren Fertigstellung erst einmal warten, hieß es. Inzwischen hatte der Architekt Paul Nehls detaillierte Entwürfe für die Badeanstalt angefertigt. Maurer- und Zimmermeister erhielten im Frühjahr 1938 bereits Bauaufträge für die Badeanstalt. Nach der Absage des Arbeitsamtes wurden alle Verträge aufgelöst. "Mit dem Beschluss vom Frühjahr 1939, die damals vorhandene Badeanstalt am Lankower See zu erneuern und vergrößern, endet die Geschichte der Badeanstalt am Medweger See", so Moll.

Sport- und Kongresshalle

Dass die Sport- und Kongresshalle neben dem Stadion am Lambrechtsgrund steht, war nicht immer ausgemachte Sache. Obwohl die Wettkampfarena schon gebaut war, wurden für die 7500 Zuschauer fassende Halle Mitte der 50er-Jahre noch andere Standorte präferiert. Den Zuschlag erhielt damals schon die Weststadt, allerdings sollte die Halle an der Lessingstraße entstehen. Entlang am Lankower See sollte die Zufahrtsstraße gebaut werden. Die Kostenschätzung für die Halle betrug 5,7 Millionen Mark. "1956 und 57 schweigen meine Akten allerdings", sagt Moll. "In einem Beratungsprotokoll der Bezirksleitung votieren die Anwesenden dann für den Bau der Halle am Lambrechtsgrund, der 1959 beginnt. An der Lessingstraße gibt es stattdessen Pläne für Wohnbebauung. Hier waren übrigens sogar 17-Geschosser vorgesehen."

Schwimmbad Lambrechtsgrund

In der Projektbeschreibung eines Schweriner Sportparks vom Dezember 1952 fehlte das Thema Wassersport noch völlig, wurde aber 1956 ergänzt. Westlich des Stadions sollte in einer Parkanlage ein Schwimmbad entstehen, das sowohl eine Halle mit zwei Becken als auch ein Freibad mit 50-Meter-Bahnen umfasste. Liegeflächen, Umkleideräume und Gastronomie waren ringsum vorgesehen. Doch spätestens zu dem Zeitpunkt, als die Sport- und Kongresshalle genau an dem für die Schwimmanlage vorgesehenen Ort gebaut wurden, waren die Pläne hinfällig, so Moll. 1968 tauchte die Schwimmhalle wieder auf, zur Komplettierung des Sportforums Lambrechtsgrund und zwar "drei Nummern größer", wie Moll sagt. Eine Halle mit 50-Meter-Becken, ein Freibad mit 50-Meter-Becken und 10-Meter Sprungturm und als Krönung eine Fußgängerbrücke, die über die Wittenburger Straße führen und das neue Wassersportareal mit der Panorama-Gasttstätte verbinden sollte. "Auf dem Lageplan von 1968 ist zu erkennen, dass für die Halle wie für die Gaststätte eine bestimmte Signatur eingetragen ist, das Symbol für eine typische Schalenkonstruktion, wie sie damals nur Ulrich Müther gebaut hat", so Moll. "Man wird also prüfen müssen, ob das Werkverzeichnis dieses 2007 verstorbenen Architekten um ein bisher nicht bekanntes Projekt zu erweitern ist." Doch auch diese wohl formschönste Schwimmhalle in Teepott-Optik wurde nicht gebaut. Ende der 60er-Jahre war bereits die Schwimmhalle Lankow, wenig später die auf dem Großen Dreesch errichtet worden - als kostengünstige Wiederverwendungsprojekte.

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