zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

18. Dezember 2017 | 15:37 Uhr

Neu Poserin in Kuba : Zurück in der geliebten Fremde

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Hannah Kirchmeier lebte viele Jahre in Kuba, jetzt kehrte sie für ein paar Wochen zurück / Streiflichter eines Landes im Wandel

Von 1993 bis 2001 hat Hannah Kirchmeier aus Neu Poserin mit Unterbrechungen in Kuba gelebt. Jüngst kehrte sie für wenige Wochen dorthin zurück, lebte im Haus von Freunden. Die Kennerin des kubanischen Alltags vor der Jahrtausendwende nahm hier bereits die Zeichen einer sich langsam zurückziehenden Mangelwirtschaft wahr. Ein Beispiel: „Mittlerweile funktionieren die Pumpen, die das Wasser in Kuba über die Dächer in die Häuser befördern. Das notwendige Material für die Reparatur ist vorhanden.“ Die Einzelbeobachtung offenbart ein Symptom. Welchen Eindruck aber hat die Kuba-Kennerin hinsichtlich der allgemeinen Lage gewonnen? „Gibt es ihrer Beobachtung nach eine geistige und wirtschaftliche Liberalisierung im Land?“

Callejon Hamel – eine Straße als Kunst- und Kulturprojekt, dass früher misstrauisch beäugt wurde.
Callejon Hamel – eine Straße als Kunst- und Kulturprojekt, dass früher misstrauisch beäugt wurde.

Eine „Minimalliberalisierung“, sagt Hannah Kirchmeier, habe es schon unter Fidel Castro gegeben, aber die Politik des Bruders Raúl Castro während der letzten Jahre führte wie bekannt zu stärkeren Veränderungen. „Die Zahl der politischen Häftlinge hat abgenommen. Die Anklagepunkte haben sich gewandelt“, weiß Hannah Kirchmeier. „Die staatlich verordnete Trauer nach Castros Tod habe das Volk natürlich vorübergehend wieder „eingenordet“, gleichgeschaltet. Dass die Kubaner sich allerdings ein System nach Vorbild der westlichen Demokratien wünschen, kann die Kuba-Reisende nicht bestätigen. „Vor allem wissen die Kubaner - viele haben Bekannte oder Verwandte in den USA - wie Turbo-Kapitalismus dort funktioniert, das wünschen sie sich nicht.“ Um diese gewisse Akzeptanz des kubanischen „tropischen Sozialismus“ verständlich zu machen, formuliert Hannah Kirchmeier mit einigem Nachdruck: „In ganz Lateinamerika hat es bis heute immer Elend gegeben, in Kuba nur Armut.“

Jedem Reisenden drängt sich im anderen Land zuallererst das Straßenbild auf. Das kubanische offenbarte für Kirchmeier sofort Bilder eines zumindest zunehmenden wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Beobachterin aus Neu Poserin lacht: „Drei Autogenerationen rollten und rollen auf Havannas Straßen“, sagt sie. „Zuerst kurvten hier amerikanische Straßenkreuzer, dann tauchten russische Wagen auf, hielten sich bis in die neunziger Jahre, jetzt sieht man viele japanische und europäische Autos.“ Etliche, vor Jahren noch schrottreife Straßenkreuzer seien mittlerweile restauriert, dabei zu komischen Kreuzungen zwischen mancherlei Marken mutiert: „Der Bug beispielsweise stammt von Mercedes, der hintere Teil ist ein Plymouth und der Motor ist Marke Toyota.“ Das zunehmende Autoaufkommen jedenfalls beflügelte wiederum ein Stück weit die Wirtschaft. So stellte Hannah Kirchmeyer fest, dass heute weitaus mehr Taxis im Lande umherfahren, mehr Menschen also als früher in diesem auf Kuba relativ lukrativen Geschäft ihr Geld verdienen. Ebenfalls auffallend: Auch die alten Busse, die berüchtigten langen „Cameleons“, sind aus dem Straßenbild verschwunden. Heute befördern moderne, in China gebaute Busse die Bevölkerung.

Der Bürgersteig als Autowerkstatt
Der Bürgersteig als Autowerkstatt
 

So wie es das Straßenbild sofort verspreche, sagt Kirchmeier, befinde sich die Wirtschaft in Stadt und Land in leichtem Aufwind: „Die Bautätigkeit boomt, bei allerdings verbotener Immobilienspekulation. An Ausländer darf erst gar nicht verkauft werden. Auch auf dem Land hat sich die Wohnqualität verbessert. Neubauten sind entstanden, alte Häuser wurden renoviert.“ Dies hänge, schließt sie, mit Kubas viertgrößtem Wirtschaftszweig zusammen, dem Tourismus, der sich auch langsam wandle. Viele Gäste, fiel ihr auf, unternehmen, ähnlich wie hier bei uns, Fahrradtouren durch das Land.

Der Bauzaun auf der rechten Seite verdeutlicht Restaurierungsarbeiten am Museo de La Revolution, dem früheren Präsidentenpalast.
Der Bauzaun auf der rechten Seite verdeutlicht Restaurierungsarbeiten am Museo de La Revolution, dem früheren Präsidentenpalast.

Ein wichtiger Wirtschaftspartner, erinnert sich die „Wahl-Kubanerin“ von einst, sei Venezuela unter Präsident Hugo Chávez gewesen. Erdöl floss von Venezuela nach Kuba, im Gegenzug seien kubanische Ärzte nach Venezuela gewandert. Der Hintergrund des seltsamen „Austauschs“: Das Ausbildungs- und Gesundheitswesen in Kuba genoss bereits unter Fidel Castro hohes Ansehen. Seit Chávez’ Tod allerdings sind die Beziehungen rückläufig. „Neuerliche Misswirtschaft“, urteilt Hannah Kirchmeier. „Aber Kuba ist seit einiger Zeit Joint Ventures mit Kanada eingegangen. So gelangen Materialien und zusätzliches Know How ins Land.“

Befragt nach einem Resumee, schließt die Reisende: Die Stimmung sei überwiegend positiv, der Aufbruch verhalten, aber vorhanden. Erst wenige leben in Wohlstand, aber alle, sagt Hannah Kirchmeier, haben ihr Auskommen.

Monika Maria Degner



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen