Biotope in Goldberg : Zuhause von Erdkröte & Co zerstört

Sie sind die „Himmelsaugen“ Mecklenburg-Vorpommerns, die sogenannten Sölle. Es handelt sich dabei um besonders schützenswerte Biotope, entstanden am Ende der letzten Eiszeit – vor zirka 10  000 bis 8000   Jahren.
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Sie sind die „Himmelsaugen“ Mecklenburg-Vorpommerns, die sogenannten Sölle. Es handelt sich dabei um besonders schützenswerte Biotope, entstanden am Ende der letzten Eiszeit – vor zirka 10 000 bis 8000 Jahren.

Auf einem Acker nordwestlich von Goldberg wurden zwei Sölle – zirka 1500 Quadratmeter große streng geschützte Biotope – beseitigt

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27. Juni 2016, 21:00 Uhr

Der Himmel spiegele sich in ihnen, wenn die natürlicherweise abflusslosen Senken zeitweilig Wasser führen – deshalb die Bezeichnung „Himmelsaugen“. Zwei dieser  sogenannten Sölle – insgesamt zirka 1500 Quadratmeter groß – sind in Goldberg jetzt zerstört worden. Sie waren Bestandteil des Naturparks Nossentiner/Schwinzer Heide, gehören zum  Landschaftsschutzgebiet (LSG) Dobbertiner Seenlandschaft und mittleres Mildenitztal sowie Europäischem Vogelschutzgebiet. Sie prägen das Landschaftsbild Mecklenburg-Vorpommerns nicht nur, sie sind Zeugnisse der letzten Eiszeit, entstanden vor zirka 10000Jahren. Moorfrosch, Erdkröte, Rotbauchunke, Große Königslibelle... sind hier zu Hause. 

Sölle
Entstanden sind Sölle durch Abschmelzen von Toteis. Sie sind meist rund, oval oder nierenförmig; führen zeitweilig Wasser und erfüllen eine Entwässerungsfunktion für die umliegenden Flächen. In MV sind sie vorwiegend in den kuppigen Grund- und Endmoränenbereichen zu finden, sie sind einzigartig und prägend für das Landschaftsbild. Ab einer Mindestgröße von 25 Quadratmetern sind Sölle gesetzlich geschützte Biotope, Lebensräume für bedrohte Pflanzen- und Tierarten.

Durch einen Einwohner erfuhr Edgar Schippan von dem Eingriff in die Natur. Gemeinsam mit Ralf Koch, dem kommissarischen Leiter der Naturparkverwaltung Nossentiner/Schwinzer Heide, schaute er sich die beiden Sölle – nordwestlich von Goldberg auf einer Ackerfläche – an. „Das ist für mich das schwerste Vergehen, was ich  erlebt habe, seitdem ich hier bin. Hier wurde Tabula rasa gemacht“, sagt Edgar Schippan äußerst wütend; er ist noch immer stinksauer. Sein Vorwurf geht noch weiter: „Hier wurde versucht  die landwirtschaftliche Fläche zu vergrößern, indem streng geschützte Biotope zerstört wurden.“ „Das ist ein Zacken zu scharf und eine Katastrophe für die Pflanzen- und Tierwelt“, sagt  auch Ralf Koch. Derzeit befindet sich dort die  heimische Tierwelt in der Brut- und Setzzeit. Ralf Koch hat Anzeige bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Ludwigslust-Parchim erstattet. Andreas Bonin, Pressesprecher des Kreises, bestätigt: „Momentan wird das Vorgehen des Landwirtes von Mitarbeitern des Fachdienstes Natur- und Umweltschutz geprüft.“ Auf ein Bußgeldverfahren muss sich der Verursacher in jedem Fall einstellen. „Da es sich um Cross-Compliance-Flächen handelt, kann es recht teuer werden“, erläutert Andreas Bonin. Grund: Cross Compliance ist eine „anderweitige Verpflichtung“. Diese Vorschrift beinhaltet die Verknüpfung von Prämienzahlungen mit der Einhaltung von Umweltstandards. Konkret heißt das, ein Landwirt, der seine Ackerfläche nicht komplett landwirtschaftlich nutzen kann, erhält – als finanziellen Ausgleich – EU-Fördermittel.

Tobias Kluth von der Goldberger Agrargenossenschaft versteht den Wirbel nicht. „Durch Sturm war eine Weide umgebrochen, die haben wir gekürzt“, sagt er auf SVZ-Nachfrage. Und beim 2. Soll? „Das wurde immer größer und die Naturschützer kümmern sich auch nicht darum.“  Das sieht Ralf Koch ganz anders: „Das ist eine Komplettbeseitigung. Für einen Landwirt ist das ein völliges Armutszeugnis. Denn ein Soll breitet sich nicht unbegrenzt aus, es ist auf das Wasser in der Hohlsenke angewiesen. Dieses Verständnis sollte ich bei einem Landwirt voraussetzen dürfen.“  Für Ralf Koch und Edgar Schippan ist der Vorfall deshalb schon keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern vielmehr eine Straftat. Darüber wird jetzt die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises befinden müssen. Nach eingehender Prüfung könnten einige Auflagen erfolgen: Wiederherstellen der Sölle, Ausgleichspflanzungen bis zum Kürzen und Ausbleiben der EU-Fördermittel.

Für die beiden Naturschutzexperten steht eines fest: Sie werden weiterhin beide Augen offen halten, denn bereits bei einem weiteren Soll wurde die Pufferzone nicht eingehalten, davon zeugen Reifenspuren und Reste von gestutzten Pflanzen.

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