Zeitzeugenprojekt in Ravensbrück : Zu Zeugen der Zeugin geworden

Bis in den Abend hinein wurde eifrig weiter diskutiert.flörke
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Bis in den Abend hinein wurde eifrig weiter diskutiert.flörke

Beeindruckendes Zeitzeugenprojekt: Parchimer Gymnasiasten folgten der Einladung der Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider und besuchten das Konzentrationslager Ravensbrück.

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02. Mai 2013, 11:04 Uhr

parchim | Endlich Sonne. Es ist das erste Mal warm in diesem Jahr. Fast T-Shirt-Wetter. Ruhig und wunderschön liegt der See da, die Schwanenpaare finden sich. Junge Leute lachen und toben auf der grünen Wiese davor. Einige gesellen sich zu einer freundlichen alten Dame auf der Bank und erzählen, Gitarrenspiel erklingt. Idylle pur. Vermeintlich. Nur auf den ersten Blick. Der See begrenzt die Stadt Fürstenberg.

Die jungen Leute sind Gymnasiasten. Die Wiese gehört zum Frauenkonzentrationslager "Ravensbrück" und die alte Dame ist Batsheva Dagan, Auschwitz-Überlebende, Ravensbrück-Überlebende, 87 Jahre alt. Auf den ersten Blick ist diese Szenerie vielleicht unpassend, auf den zweiten genau so richtig.

Die Klasse 10a des Parchimer Friedrich-Franz-Gymnasiums nahm auf Einladung der Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider an einer mehr als ungewöhnlichen und für alle sehr bewegenden zweitägigen Projektfahrt nach Ravensbrück teil. Gewürdigt wurde damit das große soziale Engagement der Mädchen und Jungen in den vergangenen Jahren. Schon in der Vorstellungsrunde, an der auch eine kleine Delegation Lübzer Gymnasiasten, Sylvia Bretschneider, Claudia Richter vom Referat Öffentlichkeitsarbeit des Landtages und andere Mitarbeiter der Gedenkstätte sowie Batsheva Dagan teilnahmen, wurde rasch klar, dass eine besondere Atmosphäre in der Luft liegt. Die Jugendlichen stellten sich ausführlich vor, berichteten über ihre Heimat, ihre Interessen und ihr Engagement, was die 87-Jährige mit großer Aufmerksamkeit verfolgte. Schnell kam man ins Gespräch, Berührungsängste schienen kaum zu bestehen.

Sehr intensiv beschäftigten sich die Gymnasiasten in diesen zwei Tagen mit dem Konzentrationslager Ravensbrück. Obwohl schon andere derartige Gräuellager bekannt waren, berührte hier einmal mehr die "Spezialisierung" der Nazis auf das Quälen und Töten von Frauen und Kindern.

Auch die Sicht auf die Täter, die u.a. in der Ausstellung "Im Gefolge der SS" thematisiert wurde, stellte eine weitere Facette der Auseinandersetzung dar. Wie konnten junge Frauen, kaum älter als die Zehntklässler, zu Aufseherinnen und damit auch zu Mördern oder Helfershelfern werden? Beklemmend erschien dieses zudem, da die Jugendlichen in den ehemaligen Wohnungen der Aufseherinnen übernachteten.

Absoluter Höhepunkt jedoch waren die Gespräche mit Batsheva Dagan. Als polnische Jüdin schaffte sie es zunächst nach Deutschland zu fliehen und in einer Familie zu arbeiten. Sie wurde jedoch denunziert und nach Auschwitz verschleppt. Nach dem Vorrücken der Roten Armee gelangte sie auf dem Todesmarsch nach Ravensbrück. Ihre Leidenszeit erlebte sie im Alter zwischen 15 und 19 Jahren. Fast ihre ganze Familie starb auf grausamste Art und Weise im Holocaust, einen Begriff, den sie wie viele Israelis nicht bevorzugt und stattdessen von der Shoa spricht. Alle Fragen waren erlaubt und wurden unmissverständlich beantwortet. Wer nicht in großer Runde fragte, tat es im Kleinen oder schrieb einen Zettel. Woher sie immer wieder die Kraft nimmt, über die Zeit zu reden, an das Leiden erinnert zu werden, wieder zu trauern? "Bald kann keiner von uns Überlebenden mehr sprechen. Ihr müsst das dann für mich, für uns, tun und zu Zeugen der Zeugen werden", ist ihr Appell, der eindrücklich war. Wie lebenshungrig und lernbegierig Batsheva Dagan nach dem Überleben der Hölle war, zeigt ihr Werdegang. Sie studierte, arbeitete u.a. als Kinderpsychologin, schrieb mehrere Bücher, wurde Mutter und Großmutter. Ruhelos ist sie, bescheiden und unglaublich klug, sieben Sprachen beherrscht sie und motivierte die Gymnasiasten zu lernen und zu fragen. Die von Sylvia Bretschneider angeregte Diskussion zum Thema "Was geht uns das heute noch an?" verfehlte ihre Wirkung nicht, denn gerade diese Begegnung machte sehr deutlich, dass nur in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die Chance für eine friedliche Gestaltung der Gegenwart und Zukunft voll von Toleranz liegt.

Eine abschließende Kranzniederlegung und das würdevolle Gedenken der unzähligen Opfer mittels Rosen, die in den See, der für viele zur letzten Ruhestätte wurde, geworfen wurden, schlossen zwei beeindruckende und nachhaltige Tage ab. Die Klasse 10a bedankte sich sehr herzlich bei dem Organisationsteam des Landtags, allen voran Claudia Richter und natürlich insbesondere bei Batsheva Dagan, die von 26 Parchimer "Zeugen" ins Herz geschlossen wurde.

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