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Vortrag für Eltern in der Kita „Weltentdecker“ in Werder : Zu viel Fürsorge schadet dem Kind

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Die ersten fünf Jahre eines Kindes prägen es für sein ganzes Leben. Nehmen die Eltern ihm zu viel ab, kommt es immer häufiger zu Machtkämpfen. Zu dem Thema fand in der Kita „Weltentdecker“ in Werder ein Vortrag statt.

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erstellt am 14.Apr.2013 | 05:36 Uhr

Werder | Die Schuhe zubinden, die Brotdose für den Kindergarten dem Kind hinterhertragen, nachgeben, wenn das Kind lange genug quängelt - all das sind Situationen, die Eltern sicherlich kennen. "Machtkämpfe der Kinder" nennt Diplom-Pädagoge Thomas Rupf diese Gegebenheiten. Der vierfache Vater tourt derzeit immer mehr durch Schulen und Kindertagesstätten. Im Gepäck hat er dabei einen humorvollen Vortrag über den Umgang mit diesen Machtkämpfen. Auch in der Kita Weltentdecker in Werder war der Pädagoge kürzlich zu Gast. "Wir haben ihn zu einer Elternversammlung eingeladen, da wir als Erzieher nicht allein wissen wollen, warum wir manchmal an unsere Grenzen stoßen", erklärt Kita-Chefin Yvonne Zint. Neben 30 Elternpaaren aus Werder waren auch Eltern von Kindern gekommen, die in Lutheran und Passow die Kindertagesstätten besuchen.

Viele Eltern sind immer mehr erschöpft, können nicht jeden Tag aufs Neue diese Machtkämpfe mit ihrem Kind durchstehen - sie wissen einfach nicht weiter. Dabei soll nicht nur der Vortrag von Thomas Rupf helfen, sondern auch das Gespräch mit den Erzieherinnen, die jeden Tag für mehrere Stunden die Kinder um sich haben. "Ganz zu Beginn seines Vortrages haben die Eltern noch gelacht, doch das hat im Verlauf immer mehr nachgelassen, vor allem als es darum ging, dass viele Muttis und Vatis einfach erschöpft sind", verdeutlicht die Kita-Leiterin. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Erzieherin, kennt die Machtkämpfe der Kinder selbst, nicht nur als Erzieherin, sondern auch als Mutter. "Kinder sind so, sie testen ihre Grenzen aus. Aber wenn Eltern ihnen diese nicht aufzeigen, kann das erheblich schief gehen", weiß die Kita-Leiterin aus Erfahrung. Die ersten fünf Jahre eines Kindes sind immens wichtig. "Was das Kind in diesen Jahren lernt, prägt es für sein ganzes Leben. Wenn wir Kinder bekommen, die schon drei Jahre alt sind, und ihnen immer noch alles abgenommen wird, können wir oftmals bis zur Einschulung nicht mehr viel leisten", weiß die Erzieherin. Lehrer sind dann in den Grundschulen oftmals erschrocken, wie wenig die einzelnen Kinder können. "Das liegt vor allem daran, dass die Eltern heute ihren Kindern viel zu viel abnehmen. Schuhe zubinden, sich anziehen oder die Tasche aus dem Auto hinterhertragen. Kinder können selbst im Kleinstkindalter schon eine ganze Menge. Eltern müssen sie nur lassen und ihnen die Freiheiten geben", verdeutlicht Yvonne Zint eingehend.

Im Laufe der Jahre ist der Kita-Leiterin aus Werder vor allem eines aufgefallen: "Kinder dürfen viel zu viel. Regeln und Normen kennen nur wenige. Und selbst bei sehr wichtigen Entscheidungen, die nur die Eltern treffen sollten, werden die Kleinen schon miteinbezogen. Das ist falsch." Dabei helfen sollte der Vortrag mit Thomas Rupf. Auch sein kürzlich erschienenes Buch "Machtkämpfe der Kinder - wie gehe ich damit um?" ist nicht nur für Erzieherinnen hilfreich, sondern auch für Eltern. Doch Yvonne Zint gibt allen Eltern noch einen weiteren Tipp: "Sie sollten einfach mal wieder auf ihr Bauchgefühl hören, denn das scheint vielen Eltern abhanden gekommen zu sein." Dabei spricht sie auch auf die Schwangerschaft einer Frau an. "Mütter sind während ihrer Schwangerschaft gesundheitlich bestens versorgt, doch die pädagogische Betreuung bleibt auf der Strecke."

Sein Kind umsorgen, ist nicht verkehrt, doch manchmal ist die elterliche Fürsorge einfach zu viel. "Einige Kinder tanzen den Eltern ja schon auf der Nase herum. Das muss unterbunden werden. Nein heißt nein. Ich als Elternteil entscheide, und nicht mein dreijähriges Kind. Das müssen sich Eltern wieder bewusst machen, damit sie an den Machtkämpfen eben nicht erschöpfen." Doch nicht nur Regeln und Normen vermitteln die Erzieherinnen der Kita Weltentdecker, sondern auch viele Freiräume haben die Kinder. "Wir lassen unsere Kinder ihre Erfahrungen selbst machen, sie dürfen auch mal mitentscheiden, was wir machen. Doch gibt es Regeln, an die sie sich halten müssen", erklärt Yvonne Zint. Dieser Elternabend mit dem Diplom-Pädagogen Thomas Rupf soll nicht der letzte gewesen sein, verdeutlich die Kita-Chefin. "Dieses Mal haben wir das Geld aus unserer Fortbildungskasse genommen. Vielleicht gibt es hier aber auch Unternehmen, die ihre soziale Verantwortung zeigen wollen und einen solchen Abend für eine Kita sponsorn wollen. Diejenigen können bei mir jederzeit anrufen", sagt Yvonne Zint. Eine wichtige Sache will die Erzieherin aber nicht vergessen, Eltern zu sagen: "Wenn es Streit mit dem Kind gegeben hat, ist es wichtig, seinem Schützling anschließend deutlich zu sagen, dass sie es lieben. Damit das Kind weiß, auch wenn es nicht alles bekommt, wird es von seinen Eltern geliebt und wertgeschätzt."

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