Strohballen-Gewölbehaus in Wangelin : Ziel: Wirtschaftlich selbstständig sein

<fettakgl>Die finale Bauphase des Strohballen-Gewölbehauses,</fettakgl> das einen Meilenstein auf dem Gebiet des ökologischen Bauens bildet, beginnt - sobald es die Witterung zulässt.<foto>jürgen dembski</foto>
Die finale Bauphase des Strohballen-Gewölbehauses, das einen Meilenstein auf dem Gebiet des ökologischen Bauens bildet, beginnt - sobald es die Witterung zulässt.jürgen dembski

Ein neuer Kurs soll her: Der Verein FAL setzt auf das Strohballen-Gewölbehaus in Wangelin, das Projekt "Werkstatt guten Lebens" und vor allem eines: wirtschaftliche Selbstständigekeit. Das Interview mit Klaus Hirrich:

svz.de von
27. März 2013, 09:55 Uhr

Wangelin | 2013 wird für den Verein zur Förderung angemessener Lebensverhältnisse (FAL e.V.) ein besonderes Jahr: Mit der Übergabe des lasttragenden Strohballen-Gewölbehauses und des Eingangsobjektes für den Wangeliner Garten wird ein maßgebliches Etappenziel im Rahmen des Projektes "MORGENland" erreicht. Zugleich wird mit der "Werkstatt guten Lebens" ein von der Bosch-Stiftung im Rahmen des Projektes "Neuland-Gewinner" jüngst ausgezeichnetes neues Vorhaben auf den Weg gebracht. Es sind Vorhaben, die in ihrer Art einzigartig sind - und das über die Landesgrenzen hinaus. Jürgen Dembski sprach mit Geschäftsführer Klaus Hirrich darüber.

Herr Hirrich, bildet das 2012 Erreichte ein gutes Fundament für 2013?

Klaus Hirrich: Wir haben uns hohe Ziele gesteckt und mit großem Engagement aller Mitarbeiter nicht wenig erreicht, aber 2012 ist nicht optimal gelaufen.

Wo sehen Sie die Ursache dafür?

Mehrere Faktoren spielten eine Rolle: Zurückgeworfen hat uns vor allem die fast das ganze Jahr andauernde Bauverzögerung am zukünftigen Strohballengewölbe-Hotel, die durch die Über arbeitung der Statik hervorgerufen wurde. Und letztlich darf man nicht vergessen, dass sich der FAL noch in der Phase der Umstrukturierung befindet - weg von der Funktion als Dienstleister der Arge. Im Kern geht es darum, dass wir unsere strategische Zielstellung ausbauen, noch stärker auf eigene wirtschaftliche Selbstständigkeit zu setzen. Das bedeutet insbesondere, weitere neue Geschäftsfelder zu erschließen und aus Projekten eigenständige Unternehmen zu entwickeln, wie wir das in der Vergangenheit z.B. mit der Filz manufaktur, der Weidenmanufaktur und der Wunderfeld-Genossenschaft schon praktiziert haben. Das ist eine grundlegende Herausforderung, der wir uns täglich stellen müssen.

Die wirtschaftliche Selbstständigkeit stärken ist leichter gesagt als getan?

Neue Wege zu finden und zu beschreiten, die steinig sind, fällt niemandem leicht. Und es ist ein Prozess - oder besser gesagt ein Drahtseilakt - der nicht von heute auf morgen zu bewältigen ist.

Wo liegen weitere Schwerpunkte für dieses Jahr?

Im Vordergrund steht zunächst die Fertigstellung des Strohballengewölbe-Hotels und des Eingangsgebäudes zum Wangeliner Garten. Dabei müssen insbesondere noch einzelne Auflagen des Prüfstatikers abgearbeitet werden. Außerdem stehen im Rahmen des Innenausbaus der Objekte vor allem noch Elektro-, Sanitär-, und Putzarbeiten auf dem Plan. Nicht zu vergessen die Begrünung des Strohballengewölbekomplexes. Für die Außengestaltung des Eingangsgebäudes haben wir übrigens über unsere Europäische Bildungsstätte für Lehmbau zwei Expertinnen aus den USA gewinnen können.

Können Sie schon einen Termin für die Eröffnung der Gebäude nennen?

Es ist noch zu früh, sich auf ein konkretes Datum festzulegen.

Sie erwähnten gerade die Europäische Bildungsstätte für Lehmbau: Wie beurteilen Sie den Entwicklungsstand?

Die Bildungsstätte hat sich europaweit einen anerkannten Ruf erarbeitet, was sich nicht zuletzt in der Auslastung vieler Kurse niederschlägt, wie z.B. zum Strohballenbau oder zu Lehmputz- bzw. Kalkputztechniken. Die Teilnehmer kommen unter anderem aus Frankreich, Großbritannien, Polen, Spanien, Portugal, Finnland und den Niederlanden. Für dieses Jahr liegen bereits Anmeldungen von Experten für zahlreiche Kurse vor. Parallel bietet die Bildungsstätte zunehmend auch Veranstaltungen an, wie den Mecklenburgischen Lehmbautag, um Jung und Alt aus der Region stärker einzubeziehen. Ein zentraler Anlaufpunkt ist dabei das Lehmmuseum, das vor allem durch das Wirken des Förderkreises weiter gestärkt wurde. Diese erfolgreiche Doppelstrategie wird auch 2013 zielgerichtet fortgeführt.

Wie sieht es mit der weiteren Profilierung des Wangeliner Gartens aus?

Die neue Leiterin, Kerstin Breuer, hat bereits im vergangenen Jahr neue Akzente gesetzt, die weiterverfolgt werden. Ich möchte hier nur Stichworte nennen, wie Einführung der Perma-Kultur, Terra Preta Kurse, Ausbau der Verarbeitung regionaler Produkte, Einrichtung einer Garten-Bibliothek, Neu gestaltung der Internetseite und Stärkung der kulturellen Veranstaltungen. Dabei konnte sie sich auf den Verein zur Erhaltung des Wangeliner Gartens, dem derzeit 25 Mitglieder angehören, stützen. Der größte Kräutergarten in MV zu sein, ist für die Macher kein Ort zum Ausruhen.

Worum geht es beim neuesten Projekt, der "Werkstatt des guten Lebens"?

Ich möchte es mit folgenden Eckpunkten kurz umreißen: Erstens geht es um die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, insbesondere auch für junge Menschen. Zweitens wollen wir den nachhaltigen Umgang mit unseren existierenden Ressourcen fördern - als Alternative zur Wegwerfgesellschaft. Dazu wird als ein Schwerpunkt ein Schenk- und Tauschhaus geschaffen. Übrigens liegt diese Idee auf einer Linie mit dem jüngst auf der CeBIT propagierten Leitthema, der Share-Economy, einer stärkeren Entwicklung hin zur Welt des Teilens. Drittens geht es darum, Manufakturen einzurichten, die regionale Rohstoffe verarbeiten und damit Arbeitsplätze schaffen. Über erste Erfahrungen verfügen wir auf diesem Gebiet bereits. Viertens streben wir an, mit Hilfe von Experten einen Diskurs zu entfachen, was überhaupt "gutes Leben" unter heutigen Bedingungen bedeutet. Die Umsetzung des Projektes nehmen wir dieses Jahr Schritt für Schritt in Angriff.

Die Aufgaben für 2013 sind sehr anspruchsvoll und nicht leicht zu bewältigen?

Wir verfolgen seit Bildung des FAL 1990 das grundlegende Ziel, die Regionalentwicklung zu fördern, indem insbesondere Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen vor Ort geschaffen werden und die Region zugleich attraktiver für Leute von außerhalb wird. Das schließt ein, Neuland zu beschreiten, was immer mit Schwierigkeiten verbunden ist. Aber wir können auf sehr gute Erfahrungen und eine Vielzahl erfolgreicher Projekte aufbauen, die sich bereits nachhaltig auf die Region ausgewirkt haben. Das setzt neue Energien frei. Für mich ist der FAL wie ein großes Labor: Es brodelt und zischt, manchmal fliegen dir Retorten um die Ohren, aber am Ende kann auch Porzellan entstehen.


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