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18. Dezember 2017 | 15:56 Uhr

Kuppentiner Forst : Zapfenernte im Douglasienhimmel

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Baumkletterer Marco Kern erntet in dieser Woche bestes Saatgut aus Spitzenbeständen für Güstrower Baumschule

von
erstellt am 31.Aug.2017 | 20:45 Uhr

„Achtung, Sack fällt“. Von hoch oben aus dem Wipfel einer Douglasie kommt die Stimme. Dann der Sack mit schätzungsweise 30, 35 Kilo Douglasienzapfen. Der Rufer ist Marco Kern. Er weiß, dass sein Compagnon nicht unten steht. Der erledigt seinen Job ein paar Steinwürfe entfernt in einem anderen Nadel-Riesen. „Aber man weiß ja nie, und schaden tut’s auch nicht“, sagt der 45-Jährige Gadebuscher, der sich schon bald als gar nicht maulfaul entpuppt.

Die Saison der Zapfenpflücker ist kurz, aber strapaziös. Marco Kern und seine Kollegen (mal sind sie zu zweit, andermal auch zu dritt) sind gerade auf ausgewählten Bäumen im Kuppentiner Forst im Einsatz, um Saatgut für die Wälder der kommenden Jahrhunderte zu ernten. Bei den Douglasien müssen dafür lediglich zwei Wochen im Spätsommer reichen. „Rein theoretisch kann man die Zapfen alle zwei, drei Jahre ab der 31. Kalenderwoche pflücken“, weiß Kern. „Sie müssen noch leicht grün sein und geschlossen. Andernfalls fällt der Samen beim Pflücken raus.“ Die Pflücker müssen sich sputen, denn die Sonne lässt das Grün binnen weniger Tage schwinden und die Zapfen trocknen.

„Bestes Saatgut aus Spitzenbeständen gewinnen wir hier“, sagt Revierförster Wilhelm Jacobs. Das geht freilich nicht überall. Zwei Revierförstergenerationen vor ihm hatte das Kuppentiner Forstrevier den entsprechenden Antrag gestellt. Der inzwischen 87 Jahre alte Bestand wurde damals begutachtet, für sehr gut befunden, klassifiziert und schließlich auch zertifiziert. „Der gerade Stamm und sein Durchmesser, der jedes Jahr einen Zentimeter zunimmt“, erklärt Jacobs, „das ist es, was unsere Bäume besser macht als die in anderen Beständen. In Brusthöhe messen unsere Douglasien heute bei 80 bis 90 Zentimeter.“

Douglasienzapfen

Douglasienzapfen

Foto: Herbst
 

Den dritten Tag schon klettern Marco Kern und Holger Menzel (Eberswalde) in den Kuppentiner Wipfeln. Feuchtwarm ist es , schon am Morgen. Die Mücken schwirren. „Dennoch, die Woche ist optimal“, sagt der Gadebuscher. Regen, schlimmer noch Gewitter, wie in den letzten Tagen und Wochen, können die Pflücker gar nicht gebrauchen. Beim ersten Anzeichen steigen sie ab. Auch Wind knockt die Schwindelfreien in diesem Risikojob aus. Bis Windstärke 5 sind sie im Einsatz, dann schwankt der Pflücker im Gipfel etwa anderthalb Meter hin und her. Im Kuppentiner Forst immerhin auf ca. 40 bis 45 Meter hohen Nadelbaumriesen. Anderen reicht weit weniger um seekrank zu werden.

Marco Kern rüstet sich für seinen zweiten Baum an diesem Tag. Doch nicht die Bäume zählen, sondern die Kilos. 30, vielleicht 35 hat er vom ersten Baum geerntet. Jetzt hofft der Gadebuscher, zweiter möge voller sein. Sein Flehen wird erhört. Am Ende des Tages werden er und Holger Menzel 85 bzw. 93 Kilo Zapfensamen geerntet haben.

Ungefähr 500 Kilo sollen es am Ende der Woche sein. 800 sogar, wenn es nach Jörn Kruthoff von der Güstrower Forstbaumschule ginge. „In guten Jahren kann man aus vergleichbaren Beständen auch zwei bis drei Tonnen ernten“, sagt der Prokurist. Aus den 500 Kilogramm Kuppentiner Zapfen wird sein Unternehmen ca. fünf Kilo Saatgut gewinnen, genug für 120  000 Jungpflanzen. „Damit lassen sich in etwa 30 Hektar Wald aufforsten“, weiß Kruthoff.

Wie die meisten seiner Kollegen kommt auch Marco Kern aus der Baumpflege. Und wie die meisten ist er selbstständig und verfügt über die zwingend notwendige spezielle Kletterausbildung für den riskanten Job in der Höhe. Zwingend sind auch Helm, Steigeisen, Gurtsicherung, Rucksack, Eimer und Seil. Sicherheit ist oberstes Gebot und deshalb wird die Ausrüstung auch täglich genauestens überprüft. Wenn der Gadebuscher die Baumstämme hochgeht, hat er aber mindestens noch zwei weitere Dinge dabei. „Eine große Flasche Wasser , die wichtig ist, weil wir meist mehrere Stunden für einen Baum brauchen und wenn möglich nicht zwischendurch absteigen, und natürlich After Sun Lotion.“ Zapfenpflücker haben Handschuhe zum Klettern und Handschuhe zum Pflücken. Wenn die Sonne das Harz weich macht, sind die Handschuhe im Nu verklebt. „Da hilft dann nur noch Creme“, sagt Kern und fragt lachend: „Wussten Sie, dass man als Zapfenkletterer in einer Saison so in etwa die Hälfte seiner Körperbehaarung verliert?“

Marco Kern liebt seinen Job. Seit 13 Jahren mittlerweile. „Nur, wenn man sein Hobby zum Beruf macht“, gesteht der ehemalige Alpenkletterer, der heute gern auch die Youngster in der Baumpflege-und-Zapfenpflücker-Branche unter seine Fittiche nimmt, „dann muss man einen anderen Ausgleich finden.“ Der 45-jährige Gadebuscher hat nach dem nicht lange suchen müssen. „Ich tanze leidenschaftlich gern, und so betreiben meine Partnerin und ich seit Jahresanfang unser eigenes Tanzstudio in Gadebusch.“

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