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100.000 Liter-Kuh ausgezeichnet : Zahrens Holländer setzen auf Kuhglück

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Das Grün leuchtet verheißungsvoll in ihren dunklen Augen. Ihre Hufe lassen den Boden beben. Staub wirbelt in die Luft. Die wuchtigen Leiber schieben sich vorbei am Elektrozaun. Nur noch wenige Meter bis zum Gras.

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erstellt am 27.Apr.2012 | 09:53 Uhr

Zahren | Das Grün leuchtet verheißungsvoll in ihren dunklen Augen. Ihre Hufe lassen den Boden beben. Staub wirbelt in die Luft. Die wuchtigen Leiber schieben sich vorbei am Elektrozaun. Nur noch wenige Meter bis zum Gras. Nach den Wintermonaten im Stall galoppieren die Kühe erstmals in diesem Jahr über das Grün. Die Kühe erobern ihre Weide. Jan de Baat strahlt über das ganze Gesicht. "Ist das nicht schön?" sagt er und blinzelt in die Sonne. Kuh-Austrieb in Zahren. Da kommt Bauernromantik auf. "Dieser Tag ist für viele Landwirte der schönste im Jahr", sagt Jan de Baat.

In der Herde drängelt sich der Star des Stalls: Annemarie heißt sie und ist der Stolz der Landwirte de Baat. 100 000 Liter Milch hat sie schon gegeben. Dafür soll sie heute ausgezeichnet werden. Doch Annemarie ist trotzig, bockt immer wieder. Nur mit Mühe kann Jan de Baat die Widerspenstige zähmen und sie aus dem Stall führen. Für das Fotoshooting für eine Rinderfachzeitschrift schmeißt sich die temperamentvolle Dame dann aber doch in Pose. Helmut Schirmacher vom Milchkontrollverein (MKV) in Parchim und Gerald Klein von der Rinderzucht Mecklenburg-Vorpommern GmbH hängen der Schwarzbunten die blaue Schärpe um. Eins, zwei Fotos, dann springt die Kuh wieder Richtung Stall. Bange Blicke auf die parkenden Autos am Hofrand. Doch Jan de Baat und seine Mitarbeiter haben die Kuh im Griff.

Trotz ihrer 13 Jahre strotzt sie vor Kraft. "Annemarie ist eben die Inge Meisel unter den Kühen", sagt Ellen de Baat und lacht. "Sie ist die Einzige, die auch mal ausgebüxt ist." "Kühe müssen Power haben, sonst werden sie nicht so alt. Das ist Charaktersache", sagt Jan de Baat. Seine Annemarie hat Charakter. Doch allein damit ist die gute Milchproduktion nicht zu erklären. Licht, Luft, Qualitätsfutter, ein weicher Liegeplatz, Hygiene und sauberes Wasser sowie ein ruhiger Umgang mit dem Tier- das ist das Erfolgsgeheimnis der de Baats. "Kuhkomfort", sagt Jan de Baat. Doch trotz aller Annehmlichkeiten im Stall - der Landwirt will seinen Tieren auch Auslauf bieten. "Wir sind der Meinung, dass Kühe auch Weide brauchen. Auch wenn der Trend dahin tendiert, sie ganzjährig im Stall zu halten", sagt Jan de Baat. Der Erfolg gibt ihm Recht.

In den 90er-Jahren waren 100 000-Liter-Kühe wie Annemarie die Ausnahme. "Heute sind es im Gebiet des Milchkontrollvereins Parchim bis zu 80 im Jahr - weil die Landwirte mehr für das Wohlbefinden ihrer Kühe tun", sagt Helmut Schirmacher. Soviel Fürsorge ist angebracht, denn damit ein Liter Milch entsteht, müssen an die 600 Liter Blut durch das Euter gepumpt werden, erklärt Jan de Baat. "Die Kühe sind Spitzensportler", sagt der Landwirt.

Auch wenn sein Betrieb mit 290 Kühen eher klein ausfällt: Großviehanlagen will Jan de Baat nicht verteufeln. "Es geht nicht um die Anzahl, sondern um die Bedingungen, unter denen die Tiere gehalten werden", sagt der Landwirt. Großbetriebe müssen nicht per se schlecht sein. "Ob zehn Schweine auf zehn Quadratmetern oder 100 Schweine auf 100 Quadratmetern - für das einzelne Tier macht das keinen Unterschied", sagt der Zahrener. Die Haltungsbedingungen müssen aber stimmen. "Und die werden mit dem Ausbau von Betrieben meist besser, weil dann viel erneuert wird", sagt er.

Dass es schwarze Schafe unter den Landwirten gibt, bestreitet er jedoch nicht. Und auch für seinen eigenen Betrieb schließt er eine Vergrößerung vorerst aus. "Irgendwann müsstest du mehr Leute managen als dass du dich um die Kühe kümmern könntest. Wir wollen selbst noch Kontakt zu den Tieren haben, Kühe melken und besamen. Wir sind eben Landwirte mit Leib und Seele." Er will bescheiden bleiben. "Man muss immer kleine Brötchen backen, aber das ständig. Wenn du die Sache vernünftig machst, kannst du auch mit 300 Kühen dein Geld verdienen", sagt er. Die de Baats überzeugen nicht nur durch Masse, sondern auch Klasse: Schon mehrfach ist der Zahrener Betrieb mit dem Gütesiegel für hervorragende Milchqualität ausgezeichnet worden - erneut in diesem Jahr.

Vielleicht sind das Geheimnis die glücklichen Kühe. "Sie freuen sich immer so sehr, wenn sie auf die Weide dürfen", sagt Ellen de Baat. Ihr Mann atmet tief durch. Der Kuh-Austrieb war anstrengend. Der Anblick seiner Herde entschädigt. Das Ehepaar genießt den Moment. Seit 14 Jahren sind die sympathischen Holländer in Zahren zu Hause. "Wir sind hier glücklich und zufrieden", sagt Jan de Baat und lässt den Blick schweifen - über die Weide, über die Kühe, über all das, was er sich mit seiner Familie hier erschaffen hat.

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