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Öl und Gas sind zu teuer : Wieder mehr Kohle gegen die Kälte

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Im Winter kehrt die Erinnerung zurück: 60 bis 70 Zentner Kohlen waren es, die Alfred Hardtke in jedem Spätherbst - zusammen mit Holz zum Anzünden - einlagerte, um bis zum nächsten Frühling eine warme Wohnung zu haben.

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erstellt am 21.Feb.2012 | 09:38 Uhr

lübz | Im Winter - zumindest dann, wenn es einer ist, der sich auch so nennen darf - kehrt die Erinnerung zurück. 60 bis 70 Zentner Kohlen waren es immer, die Alfred Hardtke ab 1962 mit Holz zum Anzünden in jedem Spätherbst im Keller einlagerte, um bis zum nächsten Frühling eine warme Wohnung zu haben - die Wohnung, in der er bis heute mit seiner Frau lebt. "Wir waren die ersten Mieter in dem Neubau", berichtet der heute 79-Jährige. "Grund für den Umzug von Neu Poserin nach Lübz war, dass ich nicht mehr mit meinem Fahrrad oder Moped hierher zur Arbeit fahren wollte. Beim Motorrad, einer RT, war mir öfter sogar der Vergaser eingefroren. Damit sollte Schluss sein."

Ofenheizung bedeutete, morgens in der Kälte aufzustehen und sich vor allem auch mit kaltem Wasser zu waschen. Sowohl die Kachelöfen als auch der kohlebefeuerte Badeofen waren nach dem Anheizen nicht so schnell warm, wie es nötig gewesen wäre. "Immerhin wurde irgendwann der Herd in der Küche ausgetauscht und später hatten wir dort auch einen Fünf-Liter-Beuler, so dass Wasser nicht mehr mit dem Kessel erhitzt werden musste", sagt Hardtke.

Nach der Wende bestand bei vielen Modernisierungen ein Hauptziel darin, so schnell wie möglich die mit Kohle und Holz gespeisten Heizungsanlagen gegen solche auszutauschen, die mit Öl oder Gas arbeiten. Die Folge: Binnen weniger Jahre verringerte sich die Menge verkaufter Kohle im Altkreis Lübz auf zunächst rund ein Prozent der alten Größe. 150 000 Tonnen waren es vor 1990 zum Beispiel bei der einstigen "Bäuerlichen Handelsgenossenschaft eG Lübz" (BHG), der heutigen Raiffeisen Handelsgenossenschaft. Lose wird der einheimische Brennstoff nur noch am Lübzer Standort des Unternehmens angeboten, gebündelt als Briketts in seinen Baumärkten in Goldberg und Plau am See.

Seit gut sechs Jahren verzeichnet unter anderem auch Raiffeisen wieder einen Anstieg der Menge verkaufter Kohle. Geschäftsführer Bodo Hein führt die Entwicklung vor allem auf den drastischen Preisanstieg bei Öl und Gas zurück. "Mittlerweile hat sich der Verkauf von Kohle auf einem gewissen Niveau stabilisiert", sagt er. "So wie zum Beispiel auch bei meiner Mutter verhält es sich bei vielen: Sie hat eine neue Ölheizung, nutzt aber auch noch einen Kachelofen."

Nicht nur angesichts der jüngsten Temperaturen im Rekordtief, sondern auch wegen der als Hauptargumente angeführten Kostenersparnis und Gemütlichkeit erfahren Kamine und Kachelöfen in einer steigenden Zahl an Haushalten eine Wiederauferstehung. Gerd Frehse, erfahrener Heizungsbauer aus Lübz, mag sich dafür nicht erwärmen: "Es ist gut, dass wir nicht mehr wie früher heizen müssen. Bei entsprechendem Wetter tränten einem beispielsweise im Dichterviertel morgens die Augen, wenn alle ihren Ofen in Gang brachten und der Rauch nicht gut abziehen konnte. Dazu das Schleppen der Kohle, die Beseitigung der Asche und nicht zu vergessen der allgemein viel stärkere Dreck in der Wohnung." Karl-Heinz Dobbertin, Geschäftsführer der Lübzer Stadtwerke, unterstützt: "Auch Kohle und Holz kosten Geld, nichts ist kostenlos. Und das sage ich nicht nur als jemand, der Gas als neue Energiequelle verkauft. Die täglichen Kosten bei der Ofenheizung mögen gering sein, aber Anschaffung und Unterhaltung sind teuer."

Die vom zeitlichen Rahmen her gesehen größte Zahl an Kachelöfen beseitigt hat die Wohnungsverwaltungs GmbH Lübz (WVL) - seit ihrer Gründung gut 2000 Stück in rund 700 Wohnungen. Alfred Hardtke freut sich bis heute über die Veränderung. "Wir waren von Anfang an froh", sagt er. "Der Komfort ist für uns mächtig gestiegen und kaum jemand kann sich heute noch vorstellen, so wie damals zu leben."

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