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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

20. November 2017 | 20:18 Uhr

Kiek in’t Land : Wenn Pilz auf Fledermaus trifft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Techentiner Heimatverein „Kiek in’t Land“ beging seinen Jahresabschluss 2014 mit Pilzgerichten und Vorträgen

„Leben alle noch?“ Die 50 Besucher in Andrea Ortmanns Gaststätte in Below leben nach Genuss einer sehr wohlschmeckenden Pilzsuppe tatsächlich alle noch. Die Frage, die man als Partyrhetorik auch schnell wieder vergessen könnte, hat allerdings einen sehr ernsten Beiklang. Der sie stellte, ist der amtlich geprüfte Pilzberater Lothar Strelow. Dass es ihn und seine Kollegen überhaupt gibt, legt bereits Zeugnis davon ab, wie es um die Gattung Pilz steht: Etliche sind giftig, ja, lebensgefährlich, andere schmecken phantastisch. Vielleicht liegt gerade in diesem Widerspruch der gewisse Kitzel, der Pilzfreunde anstachelt, sich mit dem Körbchen in ein heimatliches Abenteuer zu begeben.

Strelow zur Seite füllt Ralf Koch vom Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide das Programm dieser Abschlussveranstaltung 2014 des Techentiner Heimatvereins „Kiek in’t Land“. Auf dem Programm: Strelows Pilzausstellung. Da sie dieses Mal nicht in der Pilzsaison anberaumt wurde, lassen sich wenigstens noch winzige bis kolossale Baumpilze bestaunen, dazu in Essig eingelegte, zu Pilzpulver gemalene oder getrocknete Pilze mitsamt Kochbuchliteratur. Dazu erwartet die Besucher ein garantiert ungefährliches Drei-Gänge-Pilzmenue (der Erlös geht an den Kindergarten Techentin) und jeweils ein Power-Point-Vortrag des Pilzkundigen und des stellvertretenden Leiters des Naturparks Nossentiner- Schwinzerheide, Ralf Koch.

Fledermäuse und Pilze - nach einer Gemeinsamkeit sollte man gar nicht erst suchen, eines aber gilt für beide Referenten: Sie sprechen über ihre großen, mit persönlicher Leidenschaft betriebenen Wissensgebiete. Strelow offenbart dies auf seine muntere Art, lachend, immer wieder selbst über seine Pilzfunde staunend und völlig sicher im Vokabular heimatlicher Pilznamen, deren Zahl und Prägung man am liebsten exotisch nennen möchte: Samtfußrübling, glänzender Lackporling, bekannt als Heilpilz, Judasohr und so weiter. Ralf Koch, dessen Vortrag zur Freude der Vereinsvorsitzenden Ortmann eine „Spende“ ist, präsentiert hingegen einen sehr detaillierten, wissenschaftlich orientierten Abriss über die geflügelten Nachtschwärmer, zeigt dichtes, phototechnisch überragendes Bildmaterial, auch von Fledermausarten in wärmeren Gebieten der Erde, während Strelow sich ganz der engeren Heimat und vornehmlich den eigenen Funden widmet.

In der Mythologie, weiß Koch, werden die Fledermäuse der dunklen Seite des Lebens zugezählt. Das Nachttier mit den Raubtierzähnen und den seltsam gerippten Flügeln wurde zum Vorbild mittelalterlicher Teufelsbilder, während den Engelsbildern Schwanenflügel zugedacht wurden. Seit die Wissenschaft sich den Tieren widmet, tritt die nüchterne Methodik an die Stelle der Dämonisierung. Die Ergebnisse verleihen den Wesen nun eine ganz andere Aura: verkannt und interessant. Da sie wasserreiche Regionen bevorzugen, führt Koch unter anderem aus, ist Mecklenburg eine bevorzugte Gegend der Tiere, allerdings leben hier von den weltweit 1120 Arten nur siebzehn, denn neben dem Wasser brauchen die meisten Arten Wärme. Tödlich wie Knollenblätterpilz oder Pantherpilz sind sie aber nur in einem Fall: „Mittlerweile“, sagt Koch, „hat die Fledermaustollwut auch Deutschland erreicht.“ Also Vorsicht, Fledermäuse, die sich übrigens gern totstellen, nicht anfassen, auf jeden Fall aber nach einem Biss sofort zum Arzt gehen.

Nach dem zweiten Gang, Geschnetzeltem mit Pilzen, präsentiert Strelow seine Schau der Pilzvorkommen 2014 im heimatlichen Umfeld. Es war kein Jahr der Maronenpilze, dafür aber für Parasol und Stockschwämmchen, wie auch für giftige Pantherpilze und Giftchampignons. Pünktlich im Mai stieß der professionelle Pilzsucher auf eine Kolonie Maipilze und auch die pro Kilo 50 Euro teuren Speisemorcheln (Achtung, die Delikatesse sehr gut vor Verzehr erhitzen!) wurden gesichtet und abgelichtet. Im August schon gab es die ersten Hallimasch und Steinpilze, später war es für viele Pilzarten zu warm.

Jedes Jahr bietet der ehrenamtliche Pilzscout Pilzwanderungen an und etliche Teilnehmende sind auch an diesem Abend in Ortmanns Gaststätte. Immer wieder bestürmen sie Strelow mit Fragen. Das Wissensgebiet Pilz scheint unerschöpflich und immer dringlich, denn es geht meistens um die entscheidende Eigenschaft: Giftig oder nicht? Ob schmackhaft oder nicht, kann man auch selbst herausfinden.

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