Zwillinge aus Dobbertin : „Wenn man will, gibt’s einen Weg“

Die Dobbertiner  Zwillinge  Elias und Vincent –  sie sind sehr unterschiedlich, doch wenn es  drauf ankommt,  stärken sie sich gegenseitig den Rücken. Simone Herbst

Die Dobbertiner  Zwillinge  Elias und Vincent –  sie sind sehr unterschiedlich, doch wenn es  drauf ankommt,  stärken sie sich gegenseitig den Rücken. Simone Herbst

Vincent und Elias waren neun, als das Jugendamt sie in Obhut nahm. Sie brauchten Jahre, um ihre schwere Kindheit zu verarbeiten

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02. Februar 2018, 05:00 Uhr

Wie es ist, in einem Elternhaus aufzuwachsen, in dem kein Platz für Liebe ist, Schikanen Fürsorge und Erziehung ersetzen, körperliche Gewalt Echo auf alles wird? Vincent und Elias wissen es. Haben es aushalten müssen. Viele Jahre. Heute können die Zwillinge darüber reden. Auch wenn es beiden schwerfällt, sie wollen es, wollen die Schatten ihrer Kindheit abstreifen und ihr Leben leben. Mit Familie. Möglichst selbstbestimmt. Ohne Gewalt.

Selbstbestimmung ist für die heute 18-jährigen Brüder nicht selbstverständlich. Beide sind geistig behindert. Leicht nur. Womöglich ist die Behinderung Folge der „Erziehungsmethoden“ ihrer Mutter (die sich vom Vater der Zwillinge getrennt hatte, sich einen „Neuen“ nahm und nochmals zwei Kinder bekam). Sie gab den Jungen Fitwasser zu trinken, als sie durstig waren. Wunden rieb sie mit Essig aus, sie zwang die Jungen zum Essen, bis sie sich erbrachen, legte Toilettenzeiten fest und wickelte Vincent und Elias nachts mit gelben Säcken, abgeklebt mit Panzerband. Sieben, acht Jahre waren die Jungen damals. Nach mehreren Umzügen und Schulwechseln kamen Elias und Vincent schließlich in die Förderschule nach Dobbertin. Wochenlang ahnten Lehrer und Betreuer nicht, was sich daheim abspielte. Als die Mutter jedoch nach einer solchen Gelbe-Sack-Nacht das Klebeband mit einem Cuttermesser entfernte, brachte sie Vincent eine tiefe Schnittwunde bei. Auch diese klebte sie mit Panzerband ab. So kam ans Licht, worüber die Jungen immer ängstlich geschwiegen hatten. Die Schule zögerte nicht, informierte das Jugendamt, das die Zwillinge daraufhin in Obhut nahm. Damals verloren sie ihr Zuhause, das wohl nie eines gewesen war. Heim, Schule, Lehrer, Betreuer, Freunde ersetzten beiden die Familie.

Vincent, der stillere und sensiblere der Brüder, brauchte viele Jahre, um das Martyrium seiner Kindheit zu verarbeiten. „Als ich zu verstehen begann, wollte ich reden, mit den Lehrern, mit den Betreuern, mit Freunden. Aber ich konnte es nicht“, sagt er. Eine Therapie vor etwa drei Jahren half ihm. Auch dabei, seine Aggressionen zu beherrschen. Und dabei, all seine Fragen, sein verloren gegangenes Vertrauen und seine Wut in einen einzigen Satz zu packen. Vincent spricht ihn ganz langsam, beinahe wie eine Beschwörungsformel: „Ich kann nicht verstehen, wie unsere Mama sowas machen konnte und dafür nicht bestraft wird.“ „Dafür hab ich irgendwann mal zurückgeschlagen und kam dann für zwei Wochen in die Geschlossene. Das war wie Urlaub“, sagt Elias. Und der 18-Jährige lacht. Es ist kein triumphierendes Lachen. Vielmehr das eines Jungen, der sich gegen Willkür und fehlende Mutterliebe zur Wehr gesetzt hat.

Das Kindheitstrauma oder besser die traumatische Kindheit der Zwillinge war endlos. Sie dauerte, bis die Jungen sagten „unsere Mutter ist für uns gestorben“. Tatsächlich brach sie den Kontakt zu ihren Söhnen ab, als das Jugendamt sie wegholte. Erst zu Vincent, der „sie bei den Lehrern verraten hatte“. Später auch zu Elias. „Wir hatten nichts damals“, erinnert er sich. Durch die Initiative der Brüder und Unterstützung ihrer Jugendamtsbetreuerin konnten schließlich die Großeltern ausfindig gemacht werden. Da war das Gefühl von Familie, das Vincent und Elias bis heute schmerzlich vermissen. Auch ihr leiblicher Vater, den sie erst mit 14 Jahren kennenlernten, hatte den Kontakt wieder abreißen lassen. „Ihm hinterherlaufen?“, fragt Elias. „Das sind unnütze Gefühle und Trauer. Wenn man will, gibt’s immer auch einen Weg. Ich glaube, wir bedeuten ihm nicht genug.“

Obwohl die Zwillinge die gleiche schwere Vita haben, könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Jeder hat seinen Freundeskreis, Elias liebt Tatoos, Vincent Piercings. Elias möchte Altenpflegehelfer in Schwerin werden und bekommt vom Integrativen Fachdienst Hilfe bei der Bewerbung um eine Nichtfachkraftstelle. Vincent ist top im technischen Bereich und träumt von einer Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt. Alternative wäre ein Job in der Schlosserei oder Tischlerei auf dem Klostergelände.

Svea Krause, Schulleiterin und lange Klassenleiterin der Zwillinge, ist stolz auf die beiden Jungs. „Vincent und Elias werden im Sommer unsere Schule verlassen. Sie hatten nicht die besten Startbedingungen, aber ich hoffe und wünsche ihnen, dass sie ihr Leben meistern werden. Das Rüstzeug haben wir ihnen mitgegeben, nun müssen sie ihren Weg gehen.“

Aufgebrochen sind die Jungen – sie wohnen nicht mehr auf dem Klostergelände. Vincent und Elias sind die ersten und bisher einzigen, die schon während der Schulzeit aus dem Kinder- und Jugendwohnheim ins Trainingswohnen ziehen durften. „Ich für meinen Teil denke, dass ich es besser kann als unsere Eltern. Ich möchte Familie, möchte Kinder und die werde ich niemals schlagen“, sagt Vincent. Es ist sein Traum, den er wieder ganz bedächtig formuliert, beinahe wie eine Beschwörungsformel…

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