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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

19. Oktober 2017 | 16:49 Uhr

Kultur : Wenn dunkel niemals hell folgt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Eine breite Aufklärung über Sehbehinderungen bot das Lübzer Mehrgenerationenhaus. Trotz weniger Besucher will Teamleiterin Kerstin Lorenz die Veranstaltung im nächsten Jahr wiederholen.

von
erstellt am 13.Okt.2017 | 21:00 Uhr

Können Blinde eigentlich schlafen? Schließlich ist es bei ihnen doch immer dunkel. Nur einer der vielen sie beschäftigenden Gedanken, die 12 Kinder der Schule Am Neuen Teich bei ihrem mehrstündigen Besuch des Mehrgenerationenhauses (kurz MGH) am Donnerstagvormittag äußerten. Anlass für den Ausflug war der in der Einrichtung in diesem Jahr bereits zum dritten Mal veranstaltete „Tag des Sehens“. An verschiedenen Ständen konnte man sich mit den Themen Sehen, Blindheit und Sehbehinderung beschäftigen. „Wir erklärten, dass natürlich auch Blinde schlafen, weil ihr Körper die Entspannung braucht. Die Aussage, dass der gravierende Unterschied darin besteht, dass es bei ihnen auch morgens dunkel bleibt, wenn sie die Augen öffnen, ließ viele sichtlich innehalten“, sagt die im MGH arbeitende Jugendsozialarbeiterin Kersten Buchholz. Beim Essen in totaler Dunkelheit, wobei es zunächst galt, die Eigenschaften der gereichten Speisenprobe zu ertasten, wurde alles letztlich am Geschmack erkannt. Mehrere Schüler äußerten allerdings, dass sie ihn intensiver als gewohnt empfanden. Als besonders schwierig bezeichneten alle das Finden eines mit Flüssigkeiten gefüllten Bechers auf dem Tisch vor ihnen. „Wir haben dann mit den Kindern besprochen, ihnen bewusst gemacht, wie viele komplizierte Schritte für einen sehbehinderten/blinden Menschen vom Einkaufen bis zum Essen notwendig sind“, berichtet Kersten Buchholz. Neben schwarzen, die Augen total verdunkelnden Tüchern und kein Außenlicht mehr durchlassenden Fensterscheiben halfen dabei auch so genannte Simulationsbrillen, mit denen man erfahren konnte, wie sich drei besonders schwere Augenkrankheiten auswirken und davon Betroffene entsprechend belastet sind. Für alle furchterregend – egal, ob „Altersbedingte Makula-Degenartion“, die nur einen winzigen Punkt zum Sehen übrig lässt, „Retinitis Pigmentosa“ oder „Grauer Star“, der das Sehvermögen um mehr als 90 Prozent verringern kann. Ein Lichtblick: Wenigstens er ist operabel. Entsprechend beeindruckt zeigten sich die Schüler im direkten Gespräch mit der seit ihrem zweiten Lebensjahr vollständig erblindeten Lübzerin Diana Holm und ihren Fähigkeiten.

Zum ersten Mal bestand in diesem Jahr die Möglichkeit, handwerkliche und haushaltsnahe/alltägliche Arbeiten mit vorgetäuschter Sehbehinderung zu erledigen. Dabei wurde allen bewusst, dass nicht nur der Umgang mit einer Laubsäge, sondern beispielsweise schon das Aufhängen von Wäsche und das Zusammenstellen von Geschirr schwierig sein kann.

Während am Vormittag neben genannten Kindern auch einige Erwachsene kamen und das Haus somit gut besucht war, stellte sich die Lage am Nachmittag ganz anders dar. Über Kinder aus der Tagesgruppe hinaus kam fast niemand mehr, was MGH-Teamleiterin Kerstin Lorenz angesichts des hochwertigen Angebotes zwar als enttäuschend bezeichnet, aber: „Durch den gegenseitigen Erfahrungsaustausch war die Veranstaltung auch für die Anbieter gewinnbringend, woraus zum Beispiel neue Ideen entstehen.“

Damit, was ein Mensch alles nicht erlebt, wenn ihm der Sehsinn fehlt, beschäftigten sich die meisten erst, wenn sie selbst davon betroffen sind. Über viele für einen Gesunden selbstverständliche Dinge werde in der Regel nicht nachgedacht. „Unser Ziel, für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren, geben wir nicht auf“, sagt Kerstin Lorenz. „Deshalb werden wir diese Veranstaltung im kommenden Jahr wiederholen.“

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