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"Fachmann für Fehlurteile" als Gutachter : Wenn das Ohr den Raser überführt

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Raser haben immer weniger Chancen, sich vor Gericht rauszureden. Das Amtsgericht Parchim lässt bei Widersprüchen einen Gutachter herausfinden, ob Blitzerfoto und Fahrer identisch sind. Der ist jedoch nicht unumstritten.

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erstellt am 04.Feb.2013 | 04:47 Uhr

PARCHIM | Raser haben immer weniger Chancen, sich vor Gericht rauszureden. Das Amtsgericht Parchim lässt bei Widersprüchen einen Bilder-Gutachter herausfinden, ob Blitzerfoto und Fahrer identisch sind. Dr. Cornelius Schott als Human-Biologe und Fach-Anthropologe für Identitätsfeststellungen gab beim jüngsten Hauptverhandlungstag gleich fünf Stellungnahmen ab. Anlass der Verfahren zu den Einsprüchen gegen Bußgeldbescheide war stets, dass die Beschuldigten leugneten, mit den Täterfotos identisch zu sein oder Richter Kai Jacobsen erhebliche Zweifel an einer Übereinstimmung gehegt hatte. Dabei ist Schott allerdings nicht unumstritten. Das Nachrichtenmagazin Focus bezeichnete ihn 2001 als "Fachmann für Fehlurteile", weil nach einer Analyse von Überwachungsbildern ein Unschuldiger als Bankräuber in den Knast wanderte.

Schott teilt seine Vorgehensweise in zwei Schritte ein. Zuerst lässt er sich von jedem Fall die Original-Dateien der Bilder zukommen - Fotos von Geschwindigkeitsüberschreitungen oder die Videos von Abstandsmessungen auf der Autobahn, meist von der A 24. Dieses Material unterwirft er einer intensiven digitalen Bearbeitung. Resultate sind eine erhebliche verbesserte Darstellung auf kontrastreichen, farbigen Hochglanzfotos und detailreiche Ausschnittvergrößerungen: Ohren, Stirn, Haaransatz, Augenbrauen, Nase, Wangen, Lippen, Kinn, Bartwuchs. "Allein die Merkmale eines Ohrs kommen unverwechselbar dem Fingerabdruck eines Menschen gleich", sagt der Gutachter.

Hat Schott dann für sich Klarheit über die Typisierungen gewonnen, folgt sein zweiter Schritt: Der Lokaltermin vor Gericht. Dort geht er nach dem so genannten Ausschlussprinzip vor: Bei dem Beschuldigten handelt es sich für ihn dabei nicht um den Menschen, dessen Ausprägungen seiner typischen Merkmale er inzwischen längst kennt - "die so genannte Null-Hypothese". Deshalb nimmt er die Beschuldigten im Gerichtssaal ausgiebig aus dem Blickwinkel der Kamera in Augenschein. Stimmen bereits acht Merkmale der Fotos mit dem Beschuldigten überein, steht dessen Identität für den Gutachter als ziemlich wahrscheinlich fest: "Selbst bei Geschwistern oder anderen nahen Verwandten weichen mindestens ein Drittel der Merkmale voneinander ab."

Wenn sich dann bei 15 oder gar 19 Merkmalen eine Übereinstimmung findet, gilt für ihn die Identität zwischen Foto und Beschuldigtem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als geklärt. Schott liefert dem Gericht auch die nach seiner Einschätzung beweiskräftigen Details. Entscheidend dabei aber seien, so Schott, "nicht allein die Anhäufung von Merkmalen, sondern deren eindeutige Kombination".

Diese Vorgehensweise beeindruckte dann auch Wladimir K. Dem Berliner war vorgeworfen worden, dass er bei Marnitz mit einer Geschwindigkeit von 127 Stundenkilometern den erforderlichen Sicherheitsabstand von 63,5 fahrlässig auf 24 Meter verkürzt hatte. Den Bußgeldbescheid hatte er mit der Begründung angefochten, dass er nicht der auf dem Beweisfoto Abgebildete sei. Gutachter Schott fand jedoch Übereinstimmungen in 15 Merkmalen, "sodass die Identität aus meiner Sicht durchaus gegeben ist". Daraufhin zog der Beschuldigte seinen Einspruch zurück und beließ es damit bei einem Bußgeld von 115 Euro.

Auch Zaur H. wollte nicht derjenige Fahrer gewesen sein, der am Dreieck Schwerin auf der Autobahn A 14 mit 133 statt 80 Stundenkilometern unterwegs war. Allein Stirn, Nase und Gesichtsform des Beschuldigten boten dem Gutachter jedoch derart viele Merkmale, dass er andere Beteiligte ausschloss. Als Richter Jacobsen dann noch ins Spiel brachte, dass die Geschwindigkeitsübertretung möglicherweise vorsätzlich begangen worden sei und außer dem Fahrverbot eine Verdoppelung der Geldbuße auf 480 Euro drohen könne, zog der Beschuldigte seinen Einspruch zurück.

Bei Christian B. waren dem Gutachter lediglich 13 Merkmale zugänglich - "für eine Identifikation aber durchaus ausreichend". Auch in diesem Fall wurde der Einspruch gegen den Bußgeldbescheid des Landkreises Ludwigslust-Parchim zurückgezogen.

Michael K. widerrief ebenfalls seinen Einspruch, als der Gutachter eine Übereinstimmung mit 16 Merkmalen testierte. "Es kommt keine andere Person infrage." Dem Beschuldigten war vorgeworfen worden, auf dem Schweriner Paulsdamm mit 102 Stundenkilometern unterwegs gewesen zu sein. Das fällige Bußgeld wurde wegen einschlägiger Vortaten von 120 auf 195 Euro erhöht.

Marcel Z. steckt mächtig in der Klemme, weil er bei Marnitz mit 147 Stundenkilometern bis auf 26 Meter aufgefahren war, statt einen Sicherheitsabstand von 73,5 Metern zu wahren. "Andere Personen als Fahrer sind auszuschließen", hatte der Gutachter befunden. Die zehn Punkte des Beschuldigten im zentralen Register für Verkehrssünder sind erst Ende Mai getilgt, weshalb er auf Zeit spielen muss - ansonsten ist sein Anspruch auf eine Führerscheinausbildung bei der Bundeswehr gefährdet.

Richter Jacobsen kam dem Zeitsoldaten insofern entgegen, weil er die Verhandlung aussetzte und sie erst am 13. Februar fortsetzen will.

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