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21. November 2017 | 03:54 Uhr

"Von Wehmut kann keine Rede sein"

vom

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erstellt am 02.Jan.2011 | 07:30 Uhr

Kein anderer Kommunalpolitiker lebt den Landkreis Parchim vor wie Sie, der Landrat der ersten und wohl auch der letzten Stunde. Gehen Sie mit Wehmut in das Jahr 2011?

Klaus-Jürgen Iredi: Von Wehmut kann keine Rede sein. Entwicklungen nehmen ihren Lauf, Veränderungen sind ein Stück Normalität. Heutzutage geht das alles etwas schneller vonstatten und wir setzen alles daran, Schritt zu halten.

1994 kamen mit Parchim, Lübz, Sternberg und dem Schweriner Umland verschiedene Regionen zusammen. Ist mittlerweile zusammengewachsen, was damals zusammengefügt wurde?

Aus Sicht der Verwaltung ist mit dem Landkreis Parchim in der Tat ein neuer Kreis entstanden, der auch über eine eigene Identität verfügt. Die Menschen mögen das aufgrund ihrer in der Vergangenheit aufgebauten Bindungen anders beurteilen: Jeder setzt nun mal eigene Schwerpunkte mit Blick auf seinen Alltag, auf seine kulturellen und sozialen Kontakte. In der Verwaltungsarbeit sind wir jedoch ein deutliches Stück vorangekommen: Während es zwischen Parchim und Lübz schon immer ein enges Miteinander gab, hat sich beispielsweise das Zusammenwirken mit der Region Sternberg hervorragend entwickelt. Allein das Engagement der Sternberger beim gemeinsamen Ringen um den künftigen Kreissitz in Parchim ist aus meiner Sicht ein wunderbarer Beleg für diese Entwicklung.

Kann so eine Fusion auch mit Ludwigslust, Hagenow etc. gelingen oder ist der Bereich schlichtweg zu groß?

Eine solche Fusion kann gelingen, wenngleich es deutlich schwieriger ist, eine so große Zahl eigenständiger Kommunen zusammenzuführen. In vielen Regionen gibt es keine derart gewachsenen Beziehungen zwischen den Gemeinden, wie sie uns vertraut sind. Das wird gerade für den Bereich Ludwigslust - Hagenow eine wirkliche Herausforderung, weil dort nach 1994 nicht jenes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt worden ist, wie wir es im Landkreis Parchim haben.

Die Weichen für den künftigen Großkreis werden jetzt und in den nächsten Monaten gestellt. Was wird von der Identität des Kreises Parchim bleiben?

Die Identität eines Landkreises steht nicht im Vordergrund. Es geht vielmehr um das, was die Menschen mit Blick auf ihre Stadt, auf ihre Gemeinde oder ihren Ortsteil empfinden. Und das ändert sich nicht mit der Bildung eines neuen Kreises. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Die Parchimer sind zu Recht stolz auf die Entwicklung ihrer Stadt. Sie haben in den vergangenen Jahren viel erreicht und in beispielhafter Weise für die Zukunft ihrer Stadt gekämpft. Das schweißt zusammen und macht stark. Ein solcher Prozess lässt sich nicht einfach umkehren. Die Parchimer und viele andere Kommunen nehmen diese gewachsene Identität in unveränderter Stärke mit in eine neue Gebietskörperschaft.

Wenn Sie drei nachhaltige Aspekte benennen müssten, die unter Ihrer Ägide geschaffen wurden, welche wären das?

Die Schaffung einer ausgewogenen Verwaltungsstruktur für den gesamten Landkreis habe ich ja schon genannt. Ganz wichtig ist für mich, dass es gelungen ist, unser Schulprogramm umzusetzen. Alle Bildungseinrichtungen in Trägerschaft des Landkreises wurden - zum Ende hin auch dank der Mittel aus dem Konjunkturpaket - saniert bzw. erneuert. Als beispielhaft werte ich das Eldenburg-Gymnasium in Lübz. Hier wurden Zeichen gesetzt für kommunales Engagement zugunsten der jungen Menschen.

Klaus-Dieter Feige von den Grünen hat einmal bezogen auf die Kreisverwaltung gesagt, bei uns gehe es menschlicher zu. Ist das gewissermaßen ein Leitbild Ihrer Amtszeit?

Das müssen andere beantworten. Zumal es nicht darum geht, wo es am nettesten ist. Eine Verwaltung muss nach innen funktionieren und dieses Selbstverständnis nach außen tragen. Und zwar als moderner Dienstleister, der auf die Bürger und Kunden zugeht. Natürlich gibt es immer Situationen, in denen ein Nein aus der Verwaltung einen Bürger nicht zufrieden stellt. Wir müssen unsere Aufgaben nun einmal auf Grundlage von Gesetzen erfüllen und das muss auch vernünftig vermittelt werden. Im Großen und Ganzen präsentiert sich die Verwaltung sehr positiv nach außen. Das ist nicht Verdienst eines Einzelnen, sondern aller, die in diesem Haus Verantwortung tragen.

Was würden Sie den Menschen im Landkreis Parchim im neuen Jahr mit auf den Weg geben?

Ich wünsche mir, dass die Menschen ihren Mut behalten, ihren Blick nach vorn lenken und sich für ihre Region stark machen. Diese Aspekte waren es, die in den zurückliegenden 20 Jahren dazu beigetragen haben, die Lebensverhältnisse trotz mancher negativer Vorzeichen auf hohem Niveau zu gestalten. Dahinter steckt Engagement, Kraft und Initiative vieler Einzelner. Das brauchen wir für die Zukunft, weil es nicht einfacher wird, die Städte und Dörfer in der Region weiter zu entwickeln.

Wenn Sie begründen müssten, warum der Landkreis Parchim lebenswert ist, was würden Sie nennen?

Das sind verschiedene Dinge - traumhafte Landschaft reicht allerdings nicht aus. Um den Landkreis noch lebenswerter zu gestalten, brauchen wir vor allem zukunftsträchtige Arbeitsplätze. Nur so können wir den Menschen eine wirklich Perspektive aufzeigen, die es möglich macht, die vielen Vorzüge auch zu genießen.

Das Jahr 2010 war ein bewegtes für den Landkreis. War es unter dem Strich ein gutes Jahr?

Jedes Jahr birgt Höhen und Tiefen. Obwohl die Rahmenbedingungen sich nicht verbessert haben - ich denke da nur an die Finanzausstattung der Kommunen - sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Allerdings ist längst noch nicht alles so, wie man es gern haben möchte. Die aktuelle Gesundheitspolitik wird den Landkreis vor große Probleme stellen. Angesichts der hohen Abwanderung - pro Monat kehren bis zu 200 Menschen der Region den Rücken - geht der Altersdurchschnitt nach oben. Das bringt zwar neue Märkte mit sich, beispielsweise im Pflegebereich. Dennoch gleicht dieses Potenzial nicht aus, was mit Blick auf Industrie und Handwerk weg bricht. Auch der Tourismus wird das Land auf Dauer nicht ernähren können. In der Landwirtschaft geht der Nachwuchs aus. Es bedarf weiterer und großer Anstrengungen, um von guten Jahren zu sprechen. Das gilt auch für die Entwicklung des Flughafens.

Sie halten an Jonathan Pang fest?

Wir werden weiter um den Flughafen kämpfen. Er stellt als Infrastruktur für die gesamte Region eine Chance und Potenziale für Arbeitsplätze dar. Ich bin durch die Zusammenarbeit mit Jonathan Pang überzeugt davon, dass er mit seinen Visionen für Parchim der richtige Mann ist, um den Flughafen zu entwickeln. Er hat die ganze Zeit am Projekt festgehalten, hat sich in beispielhafter Weise den Herausforderungen der Wirtschaftskrise gestellt. Trotz weltweiter Einbrüche im Logistikgeschäft konnte Jonathan Pang den Flugverkehr in Parchim beleben. Er hat notwendige Investitionen vorbereitet und sich um die Finanzierung gekümmert. Der Kreditvertrag ist unterschrieben und sichert die nötigen Mittel für die nächsten sechs Jahre. Natürlich war Jonathan Pang mit seinen Ideen sehr euphorisch und hätte sie gern - wie in China üblich - schneller realisieren wollen. Entwicklungen dieser Größenordnungen brauchen hierzulande, auch mit Blick auf den immensen Finanzbedarf, einfach mehr Zeit. Ich bleibe dennoch optimistisch: Dieser Flughafen ist eine enorme Entwicklungschance.

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