Präsentation : Von Kriegstrauma eingeholt

Berndt Seite stellte sein Buch „N wie Ninive“ in Plau am See vor.  Fotos: Monika Maria Degner
1 von 2
Berndt Seite stellte sein Buch „N wie Ninive“ in Plau am See vor. Fotos: Monika Maria Degner

Mecklenburg-Vorpommerns ehemaliger Ministerpräsident Berndt Seite las aus seinem Buch „N wie Ninive“

svz.de von
02. November 2014, 22:00 Uhr

„Ich erkannte, dass die politische Tätigkeit den Menschen deformiert, ihn vom eigenen Leben abkoppelt.“ Der dies in seiner „Biografie“ bekannte, war immerhin Ministerpräsident: Berndt Seite, Jahrgang 1940 und von 1992 bis 1998 Inhaber des höchsten Regierungsamtes in Mecklenburg-Vorpommern.

Schon während dieser Amtszeit ging der CDU-Politiker offenbar nicht ganz in der politischen Rolle auf, sondern notierte immer wieder Beobachtungen aus seinem Umfeld, schrieb Gedichte, formte im Kopf vielleicht schon so manchen Ansatz einer Erzählung vor. In einer Veranstaltung des Politischen Bildungsforums der Konrad-Adenauer-Stiftung in Schwerin ließ sich nun am literarischen Beispiel nicht nur nachprüfen, sondern in die Tiefe hinein nachempfinden, was längst vorgeformt war. Seite, mittlerweile zum Schriftsteller geworden, las in Plau aus seiner neuesten Publikation, dem Erzählband „N wie Ninive“ und hier aus der Erzählung „Auf dem Fluss“. Der Text erzählt äußerst bildreich und in Rückblenden vom Kampf eines Kriegsversehrten gegen sein Kriegstrauma und den nicht heilbaren Phantomschmerz.
Die Lesung stand im Zeichen des Gedenkens an den Mauerfall vor 25 Jahren. Die vorgestellten Textauszüge knüpften aber nicht daran an, sondern an den Schrecken eines „großen Krieges“. Der 9. November selbst wurde an diesem Abend vordergründig und gleichermaßen hintersinnig vom Chor der Plauer Burgsänger intoniert: „So schön wie heut’ so müsst es bleiben“, sangen sie. Denn Glück währt immer nur kurz. „Die Wende war schwer, aber letztendlich hat es sich gelohnt“, sagte Seite, dem bewusst ist, dass nicht alle in der Einheit ankommen wollen. Er glaube schon, dass die Menschen Fuß gefasst haben, und vergleicht während der Diskussion mit dem Publikum das Mecklenburg von heute äußerlich mit einer „Puppenstube“. An dieser Stelle ließe sich jedoch fragen, wer spricht. Der Autor Seite, der in mächtigen, affektiven Bildern schildert, wie man Wunden, die die Geschichte schlug, einfach nicht los wird, ist es wohl nicht.

Des Erzählers Held, Gröndal mit Namen, leidet an einem Trauma, das ihn während der vernichtenden Kämpfe um eine Brücke ereilte. Er verlor ein Bein und bildete daraufhin ein Scherzgedächtnis aus. Der Krieg ist längst vorbei und dennoch verfolgt er Gröndal bis in den Freitod – einzige Möglichkeit, dem Druck der unstillbaren Schmerzen zu entgehen: Wer überlebte, stirbt so. „Auf dem Fluss“ ist ein fast surrealer, märchenhaft zeitlos wirkender Text. Der Fluss, auf dem Gröndal immer wieder jene Brücke unterquert, lässt fast alle realen Anklänge vermissen, erscheint mythisch überhöht, ein wenig spukhaft, eben so wie der alte Gröndal ihn aus seiner Stimmung, seinen Tagträumen heraus erlebt. Der Fluss und die ihn umgebende Natur sind sein Spiegel und erzähltechnisch Symbol seines Lebens.

Das Publikum folgte dem Autor berührt in eine beträchtliche Tiefe der Empfindung. Sein Lebensweg, ließ sich nach der Lesung vermuten, musste zwangsläufig noch ins Schreiben münden. Vergleiche, Metaphern, Traumbilder, ausladende Beschreibungen – fast überbordend arbeitet die poetische Phantasie des Erzählers. „Ich war in der glücklichen Lage, dreimal etwas Neues beginnen zu können“, berichtet er, der im ersten Beruf Tierarzt war. „Das war ich nach zehn Jahren leid.“

Aber was ist seine persönliche Verbindung zum Thema Kriegstrauma? Seite gehört zur Generation der seit einiger Zeit in die öffentliche Diskussion gerückten „Kriegskinder“. Aus Schlesien vertrieben, verlor die Familie Seites Hof und Heimat. „Ja“, gibt er zu, „das holt mich ein, je älter ich werde.“ Und vor kurzem habe er Kontakt mit dem Kind aufgenommen, mit dem er zusammen auf dem Wagen gesessen habe. So bestätigt sich wieder, was Seite während des Gesprächs mit dem Publikum sagte: „Irgendwie ist alles, was man schreibt, biografisch.“ Und schmerzhafte Erlebnisse drängen nach außen, wollen nicht mehr „abgekoppelt“ sein.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen