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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

24. Oktober 2017 | 07:54 Uhr

Vernissage in Mestlin : Von den Kulturwundern der DDR

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Blick zurück und nach vorn: Ausstellung im Kulturhaus Mestlin beschäftigt sich mit den Kulturhäusern aus dem Osten

Eine kühne These dieser Ausstellung, überschrieben mit „Das Kulturwunder im Osten Deutschlands“, kündigt sich im Titel schon halbwegs an: Während sich in den Fünfzigern im Westen ein Wirtschaftswunder einstellte, brachte der Osten, so die These, ein Kulturwunder hervor. Der Befund ist wohltuend ausbalanciert und trotz seiner plakativen Einfachheit stimmig, man betrachte nur die Ausstellungstafeln mit Karten der DDR. Das Staatsgebiet ist dicht an dicht gesprenkelt von Punkten, die Kulturhäuser symbolisieren. Die These bringt also die Systemkonkurrenz von Ost und West auf den Punkt: Während im Westen unter dem Begriff der „Freiheit“ individuelles Streben verstanden wurde, bis hin zu einseitiger Besitzorientierung und rücksichtslosem Wettbewerb, betonte der Osten die Prinzipien des Sozialen und der Gleichheit, bis hin zur (auch in der Verfassung verankerten) Einforderung einer „sozialistischen Persönlichkeit“ à la Staatsraison, einer ideologischen Projektion. Die entsprechende Umerziehung sollte auch über die Kulturhäuser gelenkt werden. Die Ausstellung verschweigt es nicht.

Es ist zunächst einmal der spontanen Reaktion des Vereins „Denkmal Kultur Mestlin“ zu verdanken, dass die Ausstellung überhaupt hierher reisen konnte und sie traf nun anlässlich der Vernissage auf reges Interesse. Die reich mit Fotos bestückten Tafeln führten die zahlreichen Betrachter in die Erinnerung zurück, aber nicht im Zorn. Den Kuratoren Helga Storck und Peter Goedel lag auch nicht an einer Polarisierung, im Gegenteil. Zur quasi wissenschaftlichen Sichtweise gesellt sich wohl unterschwellig auch die persönliche Erfahrung. Beide wuchsen im Osten auf und haben „die Blütezeit des Klubhauses ,Freundschaft‘ der Bunawerke Schkopau in Sachsen-Anhalt“ selbst erlebt, bevor sie in den 60er Jahren in die Bundesrepublik übersiedelten. Beide Perspektiven, die östliche und die westliche, sind ihnen folglich zugänglich.

Dem historischen Blick zurück ins 19. Jahrhundert – und darüber hinaus – sind die ersten Tafeln der Ausstellung gewidmet und dieser Blick ist wichtig, um das Erbe der Kulturhäuser – auf heutige Anschauungen hin abgewandelt – antreten zu können: Kulturhäuser, das zeigt die Ausstellung differenziert, sind keine Erfindung der SED, sie sind Gemeingut der Arbeiterbewegung und wurden als Bildungsstätten und Gemeinschaftszentren durch das 19. Jahrhundert hindurch bis zum Beginn der Nazi-Herrschaft 1933 getragen. Nach der Wende wurden die Kulturhäuser der DDR, da sie an Industriebetriebe oder LPGs gebunden waren, „mitabgewickelt“ und den Gemeinden zugesprochen, die den Erhalt jedoch nicht schultern konnten. Die meisten verschwanden. Die Ausstellung zeigt daher ausführlich die Geschichte jener Kulturhäuser, um deren Bestand heute Vereine mit viel Engagement kämpfen: Es sind dies die Häuser in Wolfen, Plessa, Unterwellenborn, Chemnitz-Siegmar – und eben in Mestlin.

Ein Stück weit ist diese Ausstellung auch eine Art Spiegel und dokumentarische Hymne für jene, die die Herkulesaufgabe stemmen, die gewaltigen Häuser materiell, aber auch immateriell wieder zu errichten, also mit Leben und Sinn zu erfüllen. Welch ein Bezugspunkt für die Menschen im ländlichen Raum ein solches Zentrum wie das Kulturhaus in Mestlin sein kann, zeigen beispielhaft die Ansichten der Besucherin Inge Nienkerk aus Rom. Immer wieder findet sie den Weg nach Mestlin und spricht begeistert von den Veranstaltungen dort. Dieses Jahr wird sie wieder das Konzert der Mecklenburger Festspiele in Mestlin besuchen. Den Hinterland-Markt für Kunst, Handwerk und Mode findet sie „toll“. Für sie ist das Haus auch „Erinnerungsort“ und nicht nur für sie: Kräftiger Applaus, als Festredner Professor Gerd Dietrich, Historiker an der Humboldt-Universität, ein ebenfalls ausbalanciertes Schlusswort sprach: „Wir wollen die DDR nicht wiederhaben, aber wir lassen sie uns auch nicht nehmen.“

 

Öffnungszeiten: Mi.-So. 11-17 Uhr. Die Ausstellung ist bis zum 7. August zu sehen




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