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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

11. Dezember 2017 | 16:14 Uhr

gastspiel : Vom Unglück zu „Emmas Glück“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Publikum hochzufrieden: Lang anhaltender Applaus für das Mecklenburgische Landestheater Parchim – zu Gast in der Ziegelei Benzin

Aller guten Dinge sind drei. Zum dritten Mal zeigte das Mecklenburgische Landestheater Parchim in der Ziegelei Benzin eine seiner Produktionen und das mit enthusiastischem Publikumsecho. Lübz und Umgebung, darf man wohl erfreut feststellen, hat jetzt eine feste Theaterstätte, die regelmäßig von den Parchimer Profis bespielt wird. In der vielgestaltigen Anlage der ehemaligen Ziegelei kann ein Stück sich seinen Raum suchen. „Emmas Glück“, dramatisiert nach dem erfolgreichen gleichnamigen Roman von Claudia Schreiber, wurde von den Theaterleuten in eine ehemalige Werkstatt verlegt, die einen vergleichbar rustikalen Charme ausstrahlt wie die Titelheldin. Die junge Bäuerin Emma, mitfühlend, kämpferisch und ungeniert sinnlich, lebt auf ihrem Hof selbstbestimmt und allem Anschein nach glücklich. Störend nur, dass der Hof zwangsversteigert werden soll.

Als Kind empfing Emma Liebe in erster Linie von den Tieren, von der „großen Muttersau“ vor allem, weniger von ihren ewig ackernden menschlichen Bezugspersonen. Die „Liebe“ gibt die Schweinezüchterin zurück, indem sie ihre Tiere achtsam behandelt und beim Schlachten sogar tröstend in ihren Armen hält. Aber Emma selbst haftet auch etwas Animalisches an. Abgesehen von Freund und Verehrer Henner sind die Schweine ihr einziger Umgang, wie sie wälzt sie sich im Mist, wenn ihr mal danach ist. Dann jedoch begegnet Emma einem Mann.

Wer kann diese weibliche Rolle spielen? Katja Mickan, Regisseurin am Parchimer Theater, stellte sich die Frage anders. „Ich habe ein Stück genau für diese Schauspielerin gesucht“, sagt sie. Und fand „Emmas Glück“ für Darstellerin Anne Ebel. Die Pfälzerin Ebel, seit 2006 festes Mitglied im Ensemble, verkörpert die Saft- und Kraftfigur Emma, man möchte sagen, perfekt. Blond, jung, Stupsnase, Kittel – ganz breitbeinige Hofherrin in Gummistiefeln spielt Ebel die Klaviatur der Emotionen in Dur und Moll herauf und herunter. Spielt eine Emma, die ganz sie selbst ist, die daher immer irgendwie unschuldig wirkt, auch dann, als sie Max’ Auto, das aus der Kurve heraus auf ihren Grund geschleudert wird, abfackelt und das Geld des Verletzten klaut.

Von Anfang an ließ das Publikum sich von dieser Schauspielerin gerne in die Handlung entführen. Martin Klinkenberg, im Dauerstress mal als Max, mal als der stotternde, doofe Polizist Henner und mal als Max’ Freund Hans, war Ebel ein adäquater Partner. Seine schnellen Rollenwechsel waren nicht nur schnitttechnisch perfekt, sondern auch erfrischend und komisch. Die beiden Darsteller agierten nahtlos und auf Augenhöhe. Nur in der Rolle des Max’ wirkte Klinkenberg streckenweise etwas eintönig schmerzgebeugt.

Und so endet es: Emma hat sich in Max verliebt und – verführt ihn. Die beiden aber sind nur kurz ein Paar, denn Max hat Krebs. Unter qualvollen Schmerzen reicht er Emma das Schlachtmesser, bittet sie, ihn zu erlösen. Mäuschenstill erlebt das Publikum die tragische Wendung. Aber man versteht auch: Max war eine Art Initiation für Emma. „Die große, alte Sau ist gestern gestorben“, sagt sie kurz vor Max’ Tod, „ich fühle mich jetzt viel freier. Sie war die Kette.“ Am Ende steht Emma mit einem Koffer auf der Bühne. Sie wird Max’ Plan, nach Mexiko zu reisen, aufnehmen.

Das Publikum war begeistert – sechs Mal mussten die Darsteller vorkommen, um sich beklatschen zu lassen. Unbedingt müssen sich solche Abende wiederholen – und nicht nur im Sommer.

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