zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

22. November 2017 | 12:21 Uhr

Plau am See : Vom Bespielen eines alten Kinos

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Anspruchsvolle Unterhaltung mit Saxophonist Andreas Pasternack und Literat Klaus D. Koch im alten Plauer Kino in der Dammstraße

svz.de von
erstellt am 26.Jul.2017 | 08:00 Uhr

Erwachet! Ein Weckruf in Sachen Kultur sollte in unserer Region nicht nur den potenziellen Zuschauern gelten, die zwar Veranstaltungen der Mecklenburg Festspiele eifrig besuchen, aber die Qualitäten von Künstlern, die vor der Haustür wirken, oft nicht wahrnehmen. Es fehlt offenbar die Äußerlichkeit des ganz großen Etiketts. Ein Weckruf aber muss von Fall zu Fall auch die Veranstalter ereilen. Touristenmagnet Plau am See hat dafür soeben ein Beispiel gegeben.

Ein altes Kino aus DDR-Zeit, 50er-Jahre-Stil, ein toller Bau in toller Lage, der Kulturfreaks zwanghaft zum Pawlowschen Reflex animieren muss. Das Haus zählt der Stadt zu, hier finden Veranstaltungen statt, aber irgendwie schläft es auch den Schlaf der Gerechten. Das Beispiel: Der Literat Dr. Klaus D. Koch und die Musiker Andreas Pasternack und Christian Ahnsehl, alle drei aus Rostock angereist, präsentieren in Plau zum wiederholten Mal eine musikalisch-literarische Lesung, heuer unter dem Titel „Rabenschwarzer Humor & Jazz vom Feinsten“. Im Kino mit den vielen gemütlich gepolsterten Sitzen sind schließlich etwa sechzig Plätze besetzt, der Besuch ist für eher anspruchsvolle Veranstaltungen im ländlichen Raum gar nicht schlecht und die Künstler, die diese Bühne bespielen werden, haben sogar einen Namen. Klaus Koch, ehemals Chirurg – daher der Doktor –, hat sich im zweiten Beruf zum bekannten Aphorismen-Schmied gemausert, seine individuellen, gewitzten Lebensweisheiten perlen mittlerweile aus achtzehn veröffentlichten Büchern. Der Jazzmusiker, Sänger und Saxophonist Andreas Pasternack, Profimusiker wie Ahnsehl, Leiter einer Big Band und des Landesjugendjazzorchesters, moderiert im NDR 1 regelmäßig eine erfolgreiche musikalische Reihe. Referenzen genug!

Dennoch sitzt Klaus Koch im spärlich beleuchteten Foyer höchstselbst an der Kasse. „Immerhin haben wir vom Hausmeister einen Schlüssel bekommen“, sagt Pasternack und lächelt. „Ich bin Berufsmusiker und habe so etwas noch nicht erlebt. Seltsam.“ Die Do-it-yourself- Methode, der die Künstler offenbar unterliegen, führt denn auch dazu, dass die Bühnenbeleuchtung etwa der Beleuchtung in einem Stahlwerk gleicht und zwei Stühle die Bühne zieren, die stilistisch so unpassend sind, dass sie einem Totschlagargument nahe kommen. Gottlob sitzen die beiden Musiker streckenweise auf diesen beiden Einrichtungsgegenständen und verdecken sie, immer dann nämlich, wenn Koch aus seinem Aphorismen- und Gedichtfundus liest. Ist die Musik wieder an der Reihe, dann ist sie wiederum so gut, dass man die Requisiten sowieso vergisst.

„Wir gehen mit dem Musikprogramm flexibel auf das Publikum ein“, sagt Pasternack vor der Aufführung. Im Klartext: Das musikalische Angebot in Plau deckt eine breite Palette der musikalischen Genres ab, es reicht von Jazz über Pop bis hin zur Volksmusik im eigentlichen Sinn. Pasternack und Gitarrist Ahnsehl spielen sich durch von „All my Lovin“ zu Otis Redddings „On the dock of the bay“ bis zu „Dat du meen leevsten büst“, original deutscher Folklore. Ein mutiger, erfrischender Spagat. Ungemischt hingegen ist immer die hohe musikalische Qualität.

Der zehnte Aphorismus bleibe schließlich im Hals stecken, erläutert Literat Klaus D. Koch den Aufbau des Programms , dann sei es Zeit für die Musik. Und in der Tat: Hat Koch wieder ein Feuerwerk der Aphorismen und der dichtesten Wortspielereien abgeschossen und mit großem Armschwung auf die Musiker übergeleitet, dann sind Augenblicke der Muße und der Reflexion angebracht. Kochs Prinzip ist die Kombination aus feiner Beobachtung und humorvoll-moralischer Bewertung (häufig) mit Wortspielereien, in denen Redewendungen wortwörtlich genommen werden: „Je weniger Gedanken, desto leichter hält man sie zusammen.“ Oder: „Er ging leer aus und kam voll zurück.“ Auch Frivoles scheut der Autor nicht, im Gegenteil. Das paradoxe Motto der DDR-Führung „Überholen ohne einzuholen“ sei ihm damals vorgekommen, berichtet er, wie „runterholen ohne rauszuholen“. Einige Sentenzen sollte man auch mit nach Hause nehmen und als Startposition für ausholendes, frei schwebendes Nachdenken nutzen. Zum Beispiel diese besonders schwarzen: „Wenn man den Falschen hängt, ist die Abschreckung viel größer.“ Oder: „Sollte man sich für sein Leben mit dem Alter bestrafen?“ Fazit: Trotz unbetreuten Auftritts der Künstler war es ein lohnender Abend!

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen