Plau am See : Verwandt mit einem Großen

Schliemann war Thema bei Familientreffen: Meta Häntschel in ihrem Haus in Plötzenhöhe  Fotos: Degner
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Schliemann war Thema bei Familientreffen: Meta Häntschel in ihrem Haus in Plötzenhöhe Fotos: Degner

Vorgestellt: Meta Häntschel, entfernte Nachfahrin Heinrich Schliemanns, erzählt über den Forscher und über sich selbst

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18. März 2018, 04:58 Uhr

Eigentlich stand ein Gespräch mit Meta Häntschel über einen berühmten, wenn auch entfernten Verwandten auf dem Zettel. Dann aber wurde es wie von allein auch ein Gespräch über die Plauerin (geboren 1935) selbst oder besser: über gewisse Zeitumstände. Der allseits bekannte, zugkräftige Name, der mich hergeführt hat, aber gehört einem gebürtigen Mecklenburger, den Mythen nach Kleinasien und Griechenland lockten und der dabei selbst zum Mythos wurde. Gemeint ist der Kaufmann und Archäologe Heinrich Schliemann (1822 - 1890), bekannt geworden als „Entdecker“ des archaischen Troja.

Der berühmte Schliemann aber bleibt, blicke ich nach dem Besuch in Plötzenhöhe auf das Gespräch zurück, vom sprichwörtlichen Mantel der Geschichte einigermaßen verhüllt. Umso prägnanter zeichnet sich eine Art Schweif ab, den dieser Komet der wissenschaftlichen Archäologie in Gestalt einer höchst zahlreichen und entsprechend verzweigten Familie bis in heutige Tage nach sich gezogen hat. Und umso prägnanter auch rückt Meta Häntschel selbst ins Bild, aber unabhängig von Heinrich und auch vom Namen Schliemann.

Sie hat sich auf den Besuch sehr gut vorbereitet. Der Verwandtschaftgrad mit dem bekannten Vorfahren ist auch auf Grund des zeitlichen Abstands schwer zu fassen: „Mein Ururgroßvater war ein Bruder des Vaters von Heinrich Schliemann und meine Mutter Hanna war noch eine geborene Schliemann”, berichtet Häntschel. Der berühmte Name sei in ihrer Kindheit immer irgendwie gegenwärtig gewesen, auch da es noch regelmäßige Familientreffen der Schliemänner und -frauen gegeben habe. Aus allen Himmelsrichtungen strömten sie jährlich an verabredeten Orten zusammen.

Sehr schön ist die Aussicht aus dem angedeuteten Erker im Wohnzimmer der Häntschels. Durch wucherndes Buschwerk hindurch blickt man auf den Plauer See. Meta hat ihr „Geschlechterbuch“ aus den Dreißiger Jahren auf dem Tisch liegen und blättert es auf. Obgleich systematisch gebaut, erscheint mir der hier abgebildete Stammbaum der Schliemanns ebenso wuchernd wie die Büsche draußen.

In der Quelle ist auch das Wappen der Schliemanns abgebildet, das es bereits seit dem 17. Jahrhundert gibt. Das Selbstbewusstsein dieses Geschlechts gründet offenbar auf den Erfolgen, die seine Mitglieder als Kaufleute einheimsten. Auffallend viele der Schliemänner sind außerdem Pfarrer gewesen. Daher zeugten die Familientreffen auch vom Geschlechter- oder Namensstolz ganz allgemein. Aber auch Heinrichs bahnbrechende Erfolge schmückten den Namen. „Nur dass es auf den Familientreffen neben Vorträgen über den Forscher auch immer wilde Diskussionen um ihn gab“, erzählt seine Urgroßcousine x-ten Grades.

Das Interesse am berühmten Mann war jedenfalls groß, aber gespalten. Die einen haben dem reichen Kaufmann (und Waffenhändler) Geiz vorgeworfen oder dass er den Erfolg der Grabungen fälschlich allein auf sein Konto gebucht habe, die anderen anerkannten seine Leistung bedingt. Von der Mutter erfuhr Meta außerdem: „Meine direkten Verwandten hier hatten wenig mit Heinrich Schliemann am Hut.”“

Auch Meta Häntschel hat mit dem Berühmten nicht viel am Hut. Überhaupt weist sie, scheint mir, hochfahrende Begeisterung und jedes übertriebene Interesse ebenso zurück wie die große Klage. Sie ist ein rationaler Kopf, wollte nach dem Abitur Astronomie oder Physik studieren. 1953 fielen ihre Pläne ins Wasser, da unmittelbar nach Stalins Tod an Abiturienten der DDR Exempel statuiert werden sollten.

Wer es an Partei- und Staatstreue fehlen ließ, hieß die Botschaft, würde nicht zum Studium zugelassen. Dazu wurden Vorwürfe konstruiert. „Die gegen mich waren überhaupt nicht berechtigt“, sagt Meta. „Fakes“, würde man heute sagen. Wer nun Trauer darüber oder Wut in Meta Häntschels Gesicht sucht, wird allerdings enttäuscht.

Lässt sie es nicht zu? In einer Lübzer Weberei ließ sie sich zur Handweberin ausbilden, fügte sich den Zeitläuften. Auch heute noch, scheint mir, während sie zurückblickt. „Wir hier haben es ja noch relativ gut gehabt, gemessen zum Beispiel am Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen.“ Sagt sie, hat aber immerhin fünf Tage vor Kriegsende noch einen Bruder verloren.

Abschließend suche ich doch noch einmal eine Brücke zu Heinrich Schliemann zu bauen, frage nach dem Grund ihrer Mitarbeit im Plauer Heimatverein. Hat sie nicht doch einen Faible für die Geschichte? „Gar nicht“, sagt Meta Häntschel entschieden. Da sie Weberin sei, wurde sie gefragt, ob sie einen defekten Webstuhl wieder aufbauen könne.

Sie tat es und zu speziellen Anlässen führt sie ihn auch vor. Wieder vermeidet sie es, sich in ein besonderes Licht zu setzen. Aber schlussendlich hat sie viel erzählt, auch über sich selbst. Was das wohl heißt?

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