Dorfgeschichten : Verträumtes Dörfchen am „Ende der Welt“

Drei Säulen des Kultur- und Heimatvereins: Reinhard Zabel, Anja Kube, Ralf Koch (v.l.). Fotos: Monika Maria Degner
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Drei Säulen des Kultur- und Heimatvereins: Reinhard Zabel, Anja Kube, Ralf Koch (v.l.). Fotos: Monika Maria Degner

In Woosten ticken die Uhren anders: Hier bieten sich nicht nur viele romantische Einblicke / hier organisiert die Hälfte der Einwohner ein florierendes Dorfleben

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06. November 2015, 11:42 Uhr

In Woosten fällt der Übergang Natur - Siedlung besonders milde aus. Nach dem Ortsschild beginnt das Dorf geradezu zögerlich. Hier ein Haus, da eins. Zwei Merkmale jedenfalls unterscheiden Woosten bald von anderen Gutsdörfern. Erstens ist es noch verwunschener, verwobener. Zweitens gibt es hier kein Gutshaus mehr, dafür aber auf leichter Anhöhe eine backsteinbraune Kirche, die unübersehbar das Zentrum des Ortes bildet. Eindrucksvoll der Dorfweiher und das freie Areal drumherum, die alten Bäume dort, die sich zu einem kleinen Wald verbunden haben. Zwei Laufenten absolvieren gerade ein Schwimmprogramm, ziehen eilig zweimal die Bahn durch den Teich, dann stürmen sie wie aufgedreht über Land davon.

Nur von Gallin-Zahren kommend, hat man das Gefühl, bald am Ende der Welt angekommen zu sein. Fährt man in Richtung Wendisch-Waren aus dem Ort heraus, ist man im Nu wieder in der zauberlosen Gegenwart, nämlich auf der Bundesstraße 192. Dennoch hat Woosten viel Ursprüngliches bewahrt und so mancher hier hat seinem Dorf den Ehrentitel Heimat verliehen. Bezeichnend ist auch, dass der kleine Ort einen Kultur- und Heimatverein hervorgebracht hat, dem mindestens die Hälfte der Einwohner angehören. Das Dorf mit seinen 82 Einwohnern hat sich regel(ge)recht organisiert.


Säulen der Kultur- und Heimatvereinsbewegung


Ralf Koch, Anja Kube und Reinhard Zabel haben sich ein wenig fröstelnd im so genannten „Dorfzentrum unter der Kastanie“, dem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Guts eingefunden. Die drei sind offensichtlich - unter anderen jedenfalls - Säulen der Woostener Kultur- und Heimatvereinsbewegung. Verwaltungstechnisch ist Woosten ein Stadtteil von Goldberg, aber die Mienen der Versammelten spiegeln deutlich wider, dass sie mit dem eigenschaftslosen Prädikat herzlich wenig anfangen können. Es seien auch schon häufiger Vorschläge der Goldberger Vereine gemacht worden, sagt Anja Kube, in Richtung Vereinekonzentration: Es müsse ja nicht alles extra gemacht werden, lautete das Argument. Aber dann würde vieles nach Goldberg gezogen, meint sie. Der Verein und das Dorf aber wollen ihre Identität bewahren.

In dieser Identität ist Woosten eben Heimat. Aus Diestelow kommend genieße er immer den besonders schönen Anblick des Ortes, schwärmt Reinhard Zabel. Ralf Koch lobt das urtümliche Kopfsteinpflaster - „Hier wird nicht so gerast!“ - und in Anja Kubes Bewusstsein hat sich ganz besonders die Kirchturmspitze eingezeichnet: „Ich sehe die Kirchturmspitze und denke: „Gleich bin ich zu Hause.“

Auch in Woosten wird die Dorfstraße vielfach von den flachen Häusergalerien der Tagelöhnerhäuser gesäumt. Aber hier führt die Hauptachse direkt auf die erhöht errichtete Kirche mit dem darunter liegenden Friedhof zu. Siedlungstechnisch gesehen erhebt sich, etwas zurückversetzt, die Kirche just dort, wo der Ort sich mittels Wiesenflächen und der einzigen Straßenkreuzung weitet. Hier ist die klassisch schöne Dorfkirche konkurrenzlos Hauptdarstellerin und zieht sofort den Blick an.

Links der Kirche in einer schmalen Nebenstraße steht nach wie vor der Woostener Pfarrhof, Wohnhaus und Arbeitsort des Regionalpfarrers Christian Banek. Er ist der 23. Pastor in Woosten, zählt man beginnend mit dem Jahr 1541. Baneks kirchliche Funktionen decken sich allerdings mit der des früheren Probstes. Gemeinsam mit fünfzehn Pastoren, zehn Gemeindepädagogen, zwei Kantoren und zwei Diakonen betreut Banek die Kirchenregion Parchim. Auf diese Weise ist Woosten immer noch irgendwie speziell mit der Kirche verbunden, ist immerhin Regionalpfarrerssitz.

Die innerhäusliche Leitstelle des Pfarrers, der an den Sonntagen fünf Kirchen im Wechsel zu betreuen hat, ist das „Amtszimmer“ im Parterre, das trotz der offiziösen Bezeichnung ausgesprochen gemütlich ist. Ein Kanapee hinter rundem Tisch lädt zum Gespräch, und während ein Tee geschlürft wird, lassen sich die Wände des Amtszimmers verstohlen mustern. Bücherregale reichen bis unter die Decke, darauf Akten, ein altes Meyers Konversationslexikon und eine Menge Fachliteratur. Über den Rand der Teetasse ferner auszumachen: eine alte Standuhr, ein Schreibtisch und natürlich das christliche Kreuz an der Wand.


Unterm Sternenhimmel Abrahams


Seit 1998 arbeitet und wohnt Christian Banek hier. Wichtig war ihm offenbar die Umgestaltung des Hauses. Er führt in einen nicht allzu großen Durchgangsraum, einst der Christenlehre vorbehalten. „Ein Ostraum“, erläutert der Pfarrer, „und leider sehr dunkel.“ Also wurde unter anderem auch der Dachboden umgebaut. Heute lädt die Heranwachsenden hier ein luftig-lichtes Reich ein, in dem, in Ergänzung des neutral gehaltenen Religionsunterrichts an den Schulen, evangelische Christenlehre erteilt wird. Von abgehobenem Religionsunterricht hält Banek allerdings wenig: „Wir schauen auf das Leben und versuchen, unseren Weg mit Gott zu finden,“ sagt er.

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