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Kriminacht mit Jürgen Zartmann : Verstörende Protokolle von Schuld

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Jürgen Zartmann bannte sein Publikum im Lübzer Mehrgenerationenhaus mit Texten des Bestsellerautors Ferdinand von Schirach

svz.de von
erstellt am 29.Mai.2016 | 21:00 Uhr

Manchmal weiß man nicht so recht, womit beginnen und wie gewichten, wenn zwei Schöpfer an einer Sache beteiligt sind, wie jüngst im Lübzer Mehrgenerationenhaus (MGH).

Beginnt man mit dem bekannten Schauspieler Jürgen Zartmann, der sich als Vorleser betätigte, oder mit dem Autor, von dem das Buch stammt, aus dem er las, mit dem Rechtsanwalt und Weltbestsellerautor Ferdinand von Schirach also?

Das Publikum im MGH allerdings war an diesem Krimifreitag zum großen Teil mit einer klaren Gewichtung in der Schulstraße erschienen. Es wollte den Schauspieler Zartmann, aus DDR-Zeiten wohlbekannt, hören und - erleben.

Ein erklärliches Missverständnis. Denn nachdem der beliebte Herbert Köfer vor etwa einem Jahr hingebungsvoll im MGH aus dem Schauspieler-Nähkästchen geplaudert hatte, ähnlich vor Kurzem die ebenfalls beliebten Schauspieler Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler, erwarteten die Besucher wohl wieder, mit einem „ihrer“ Darsteller aus DDR- und somit der eigenen Jugendzeit nostalgisch rückblicken zu können. „Aber er schaut ja nicht einmal auf von dem Buch“, sagte eine Zuhörerin in der Pause. Und so war es: Jürgen Zartmann öffnete kein Nähkästchen, er öffnete nur den Erzählband „Verbrechen“ des ungewöhnlichen Kriminalautors Ferdinand von Schirach, und sein Blick haftete stets an den Zeilen. Kurz zuvor im Zweiergespräch hatte er den schreibenden Strafverteidiger Schirach „einen hervorragenden Erzähler, der die Nase immer am Brennpunkt des Lebens hat“ genannt. Er bediene sich, sagte Klassikerfreund Zartmann, der deutschen Sprache in hervorragender Manier.

Erzählend ermöglicht dieser Berliner Jurist und Autor seinen Lesern eine Schlüssellochsicht in die verborgenen Kammern realer Verbrechen. Sein Coup: Der Anwalt, der die Täter in Wirklichkeit erst nach der Tat kennen lernt, imaginiert als Erzähler eine andere Perspektive. Er beginnt nicht da, wo die Instrumente des Rechtsstaats zu arbeiten anfangen, sondern da, wo sich mitten im Leben zwischen Menschen langsam ein Prozess entwickelt, der im Strafprozess endet. Ein literarischer „Täterversteher“, wenn man so will.

Eine der vorgetragenen Geschichten - der Titel lautet „Das Cello“ - beginnt mit dem Satz „Tacklers Smoking war hellblau, sein Hemd rosa“ lapidar und harmlos, aber die Erzählung nimmt Fahrt auf, steigt schließlich steil an und kulminiert im Mord der Tochter Tacklers am todkranken Bruder, aus Liebe.

In einer der anderen Erzählungen heißt es kurz vor Schluss: „Ich habe Ingrid klein gemacht. Kommen Sie sofort.“ Es ist ein freundlicher Arzt, der sich so bei der Polizei im idyllischen Rottweil meldet. Er hat gerade seine Ehefrau getötet, die ihn Jahrzehnte lang beschimpft und erniedrigt hat. Aber plötzlich, schreibt Schirach über seinen Protagonisten, habe es in ihm „hart und scharf zu leuchten begonnen“. Und er greift zur Axt.

Mit sonorer Stimme fühlte der Vorleser Zartmann die Dynamik der drei intensiven sogenannten „Kurzgeschichten“ nach. Schlag um Schlag, Fakt um Fakt entwickelt der Autor eine fast zwanghaft anmutende Lage der Unentrinnbarkeit. Alles scheint unvermeidlich auf Mord, Selbstmord oder Tötung zuzutreiben. Der Sog, der so entsteht, wurde durch Zartmanns schnellen, spannungsreichen Vortrag absolut deutlich.

Allerdings lag auch etwas grundsätzlich Eiliges in seinem Auftritt. Den Grund dafür kennt nur er selbst. Eines aber war immer zu spüren; Nämlich die Zuneigung, die den Schauspieler mit den Texten dieses Autors verband.

 

 

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