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Kunstlandschaft Mestlin : Verschwendung in Form & Farbe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Rundgang durch entstehende Ausstellung : Am 5. Mai eröffnet das Kulturhaus Mestlin die Gemeinschaftsausstellung „Kunstlandschaft6“

Aus einem schlichten Hausbriefkasten quillt ein Strom von Zeitungen und Werbematerial, schichtet sich auf, verbreitert sich, je weiter das Material vom Briefkastenschlitz aus nach draußen gerutscht ist. Eine Müllhalde aus Papier. Ein Jahr lang hat die „forschungsgruppe kunst“ die Zeitungen und Werbesendungen aus einem einzigen Briefkasten gesammelt und zu dieser Installation verarbeitet. Mittels eines roten Knopfs kann der Betrachter schließlich für oder gegen das analoge Verbreitungsprinzip von Zeitungen votieren. Diese und weitere Installationen sowie Bilder, Plastiken und Fotografien werden beginnend mit dem 5. Mai im Kulturhaus Mestlin zu sehen sein. Am sogenannten „Herrentag“ um elf Uhr wird die „Kunstlandschaft6“ ihre Pforten öffnen.

Geborgen unter einem (fast) nigelnagelneuen Dach bietet das Kulturhaus Mestlin gesellschaftlichen und künstlerischen Aktivitäten Räume, von denen man anderenorts nur träumen kann. Und sieht man, wie sich am Tag des Ausstellungsaufbaus breite Flure, hohe Wände langsam in Galerien verwandeln, sieht man, wie das Licht aus Fenstern im Zwischenstock fällt, aus Treppenaufgängen, die wie Schluchten zwischen die dicken Mauern gebrochen scheinen, so kann man sich eigentlich keine spannenderen Räume für eine Kunstausstellung denken.

Wie schon in den fünf vergangenen Jahren hat Kurator van Uehm die Ausstellung unter ein Thema gestellt. In diesem Jahr unter den Begriff der „Verschwendung“. Künstler und Künstlerinnen mussten sich in der einen oder anderen Weise mit diesem Begriff, der sich in mancherlei Richtungen wenden lässt, auseinander setzen, bevor sie sich bewarben. Es sei eine überraschende Arbeit geworden, sagt Andre van Uehm, die gezeigt habe, dass und wie jeder in seinem Kontext lebe. Dabei hatte Fotograf van Uehm, der selbst auch ausstellt, die begriffliche Füllung von „Verschwendung“ im Ausschreibungstext schon weit gefasst, bis hin zur Einbeziehung der verschwenderischen Ästhetik des Barock.

Verschwendung im Sinne von Ressourcenverschwendung, wie im Fall der eingangs beschriebenen Installation, ist wohl die gängigste Auslegung des Themenbegriffs, gleichfalls die plakativste. In diese Richtung weist auch Monika Ortmanns Rauminstallation aus Einwegplastikflaschen. Wobei die zum raumfüllenden Geschlinge verbundenen leeren Flaschen durch die Verfremdung eine gewisse – auch fragwürdige – Ästhetik gewonnen haben. „Wir verstehen uns von plakativ bis um die Ecke gedacht“, sagt van Uehm im Gespräch mit der Zeitung zur breiten Fächerung der Exponate und fügt ganz ohne Koketterie hinzu: „Im Prinzip ist das hier (gemeint ist die ehrenamtliche Arbeit) auch eine Art von Verschwendung. Es ist nicht auskömmlich.“

Naturgemäß verschwenden Menschen auch sich selbst, an eine Idee, an den anderen, an die Welt. Die Verschwendung der Jugend an die Welt, das Anfängliche ihres Suchens verarbeitet Pauline Stopp in ihren Bildern „Fluoriszierende Jugend“. Die fast gegenstandslosen Bilder laden ganz besonders zur Reflexion, wenn nicht zur Meditation ein. Ähnliches gilt für die Collagen von Grit Sauerborn. Die Künstlerin aus Rostock hat „ihre Grafikschränke geplündert“, um ein großformatiges Triptichon zu entwickeln. Die verwendeten Papierpartikel, auch verworfene Skizzen, seien ihre „Schätze“ gewesen, sagt sie und vermeidet bewusst Wörter wie Reste oder gar Abfall. Für sie gilt die Gleichung: Verwenden ist Verschwenden.

Ins Philosophische reichen Krys Robertsons Überlegungen zum Thema. „Vor einem Jahr“, berichtet sie, „verstarb mein Mann bei einem Verkehrsunfall. Nur Sekundenbruchteile früher oder später und der Lastwagen hätte den Radfahrer nicht niedergestreckt.“ Diese „Verschwendung“ menschlicher Existenz durch den Zufall oder das Schicksal verarbeitet die Künstlerin nun in ihren Gemälden, wie in einem Mutter-Kind-Bild, einem „Selbstbildnis“ der verbliebenen Familie.

 










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