zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

24. Oktober 2017 | 02:31 Uhr

Personalie : Verlust für politisches Leben in Lübz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans-Dieter Düwel hat sein Mandat aus gesundheitlichen Gründen zurückgegeben. In Diskussionen zeigte er stets Standhaftigkeit – nicht immer einfach.

von
erstellt am 15.Jan.2017 | 19:00 Uhr

Ein sehr vielen Menschen bekannter Mann hat die öffentliche Bühne verlassen. Hans-Dieter Düwel, seit 1990 entscheidender Begleiter des politischen Geschehens in seiner Geburtsstadt Lübz und vorübergehend auch im Kreistag, hat sein Mandat als Stadtvertreter zwei Jahre vor Ende der Legislaturperiode zurückgegeben. „Rein aus gesundheitlichen Gründen. Ich bin im Frieden gegangen, es hat nichts mit der Politik zu tun“, sagt der 74-Jährige. Weil der Schritt im nichtöffentlichen Teil der letzten Stadtvertretersitzung vollzogen wurde, weiß bisher kaum jemand etwas davon.


Durch Familiengeschichte nur eine Partei möglich


1990 hatte Düwel unter anderem mit einem Nachbarn den Lübzer Ortsverband der SDP („Sozialdemokratische Partei der DDR“) gegründet. Wegen seiner Familiengeschichte sei für ihn nur diese politische Ausrichtung in Frage gekommen: „Mein Vater wurde 1927 mit den Stimmen der SPD und der ,Bürgerlichen’ mehrheitlich zum Bürgermeister gewählt. Zunächst für sechs, Ende 1932 dann der damaligen Gesetzgebung entsprechend für 12 Jahre. Da gab es Ärger mit den Nationalsozialisten. Er wurde aus seiner Wohnung im heutigen Bürgerhaus geschmissen und mit dem Spruch ,Düwel verrecke!’ durch Lübz getrieben. Er ist mein Vorbild, weil er trotzdem in der Stadt blieb und als Anwalt arbeitete – im freiwerdenden Büro eines Nazis am Markt, der wegzog, um in Röbel Bürgermeister zu werden...“

Neben dem überzeugten Sozialdemokraten gibt es den Lehrer Hans-Joachim Düwel, der von 1965 bis 2000 Mathematik und Geographie unterrichtete. Ab 1990 war er bis zum letzten Arbeitstag Direktor an der EOS, nach der Wende Gymnasium genannt.

Als man ihn aufforderte, seinen Schülern beizubringen, wie sie sich nach militärischen Maßstäben im Gelände zu verhalten haben, wandelte sich dies bei Düwel in Geographieunterricht unter freiem Himmel um. Dazu etablierte sich bald eine von ihrem Lehrer geleitete Schachgruppe, die irgendwann das gesamte Land bereiste und einmal sogar Zweiter in der DDR-Liga wurde.

„Mathematiklehrer wurden vor der Wende immer gesucht, was gut für mich war, mir Glück brachte, denn ich war nicht sehr linientreu, konnte manchmal einfach nicht meinen Mund halten, wenn es mir reichte“, sagt Düwel. Das von ihm gern genannte Beispiel ist die regelmäßige, von allen Kollegen so genannte „Rotlichtbestrahlung“ durch die SED. 1967 habe ein Vertreter der Partei in einem Betonwerk darüber berichtet, wie demokratisch ihre Strukturen seien, weil in ihr die Meinung des Volkes ungehindert von unten bis nach oben gelange. Düwel fragte ihn, ob in seinem Unternehmen die Posten des Direktors, Parteisekretärs und Vorsitzenden der Betriebskampfgruppen in einer Hand lägen, was sofort verneint worden sei: „Ich sagte, dass ich aber jemanden kenne, auf den dies zutrifft. Er ist Generalsekretär, Vorsitzender des Ausschusses für Verteidung und Staatsratsvorsitzender – Walter Ulbricht.“ Die Folge: Die Veranstaltung wird sofort abgebrochen und noch am selben Abend steht der Schulrat mit der fristlosen Kündigung vor der Tür. Düwel darf die Schule nicht einmal mehr betreten, was sich jedoch bald geändert habe. Er sollte wieder als Lehrer im gefragten Fach Mathematik arbeiten, was er zunächst abgelehnt habe.


Gesetz legte fest, weiter Lehrer zu sein


„Ich hatte bereits Kontakt zu einem Unternehmen aufgenommen, das sich mit der Entwicklung der ersten Computer beschäftigte und an mir interessiert zeigte“, berichtet der Lübzer. „Da wurde mir ein Gesetz vor die Augen gehalten, demzufolge beide Seiten einer Meinung sein müssten, wenn es um die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses geht. Aus heutiger Sicht bin ich froh, wieder als Lehrer gearbeitet zu haben. Übrigens: Die markante Äußerung Düwels habe gar nicht der Referent, sondern ein Kollege von ihm nach oben gemeldet, wie er heute wisse.

Selbst zur Jahrtausendwende sei die finanzielle Lage auf kommunaler Ebene noch ungleich günstiger als heute gewesen. Und wenn das Land jetzt sogar verlange, in Gemeinden Hebesätze einzuführen, die 20 Prozent über dem Landesdurchschnitt liegen, damit bestimmte Fördermittel ausgezahlt werden dürfen, sei dies mathematisch gesehen „Blödsinn“ und setze eine bedenkliche Kettenreaktion in Gang. „Eine Kommune muss akzeptieren, so dass früher oder später alle zu folgen haben“, sagt Düwel. „Der Durchschnitt wird immer höher geschraubt und irgendwann steht die unterste Ebene völlig hilflos da. Dann wird es dramatisch. Ich bin sprachlos, weil ich nicht weiß, wie man da wieder herauskommen will.“ Die Argumentation im Umgang mit den Kommunen, die so gut wie keine Gestaltungsmöglichkeiten mehr hätten, sei von unsagbarem Druck geprägt.

Im Rückblick auf die politische Arbeit in Lübz bezeichnet Düwel das Klima in der Stadtvertretung als stets gut. Sie habe im Sinne der Stadt gehandelt, woran die Bürgermeisterin einen großen Anteil habe: „Unser Umgang miteinander war sachlich, nicht polemisch und nicht parteibezogen.“

In Schwerin arbeitenden Genossen seiner Partei hingegen bescheinigt der Lübzer beim Thema Südbahn etwa bis heute „den Höhepunkt der Sturköpfigkeit“ und auch ein weiterer Umstand sei Ausdruck für in MecklenburgVorpommern gemachte Politik, die falsche Zeichen setze: „Das ärmste Bundesland gönnt sich mit dem Schweriner Schloss nicht nur das feudalste Parlamentsgebäude, sondern darin auch noch den Krönungssaal als mit großen Kosten hergerichteten Versammlungsraum für den Landtag. Vielleicht hätte ja auch ein anderer Tagungsort genügt.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen