Allgemeine Förderschule Lübz : Verhalten vor allem anderen (er)klären

Schulleiterin Silke Darnstädt mit Fotos von der Praktikumswoche der neunten Klassen im vergangenen Jahr Ilja Baatz
Schulleiterin Silke Darnstädt mit Fotos von der Praktikumswoche der neunten Klassen im vergangenen Jahr Ilja Baatz

Die Förderschule besuchen 90 Mädchen und Jungen, die von 13 Lehrern unterrichtet werden. So wie bei einer Niederlage noch niemand aufgebe, machten einige Schüler auch ohne große Gegenleistung der Schule ihren Weg.

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02. Juli 2012, 06:33 Uhr

lübz | Nachdem 19 Mädchen und Jungen jüngst die neunte Klasse der Allgemeinen Förderschule Lübz abgeschlossen haben (wir berichteten), haben sie jetzt nichts mehr mit Ferien und Stundenplan zu tun, sondern bereiten sich intensiv auf den Arbeitsmarkt vor. Auf ihrem Weg dorthin eng begleitet haben sie Schulleiterin Silke Darnstädt und ihr Kollegium. "Natürlich ist der Lehrplan wichtig. Ganz oben stehen allerdings die sozialen Kompetenzen", sagt sie und lässt keinen Zweifel daran, welche Ziele sie wie bewertet: "Verhaltensprobleme müssen erst behoben sein, vorher kann ein Schüler nicht lernen. Gleiches gilt, wenn er zum Beispiel aggressiv aus der Pause wieder in den Klassenraum kommt. Da muss erst die Ursache geklärt werden."

In ihrer aus Anlass der Schülerverabschiedung gehaltenen Rede hob Silke Darnstädt unter anderem hervor, dass die Gesellschaft von den Abgängern nun persönliche Kompetenzen wie zum Beispiel Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft, Ausdauer, Belastbarkeit, Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, auf der anderen Seite aber auch soziale Kompetenzen wie Kooperationsbereitschaft, Teamfähigkeit, Höflichkeit, Freundlichkeit, Konfliktfähigkeit und Toleranz erwarte. "Die Frage ist immer, was wir getan haben, um die jungen Leute fit fürs Leben zu machen", so die Schulleiterin. "Beeinflussen können wir es jetzt nicht mehr."

Der größte Teil der Abgänger werde die Berufsschule in Parchim besuchen. Um rechtzeitig eine Orientierung in diesem Bereich anzubieten, bestand schon in der achten Klasse die Möglichkeit, einen Praxislerntag in Parchim zu absolvieren. In der neunten Klasse hielten sich die Schüler zudem zwei Wochen lang in der Ausbildungsstätte Heidhof auf. "Der Grundsatz ist allerdings überall gleich. Nicht nur unsere, jede Schule muss auf die Zeit danach vorbereiten", sagt Silke Darnstädt. "Aufgefallen ist uns im Laufe der Zeit, dass es gilt, soziale Kompetenzen mehr zu entwickeln. An ihnen mangelt es meiner Erkenntnis zufolge überall. Seit 2010 wird in diesem Bereich bei uns trainiert." Aus der Zusammenarbeit mit den Eltern wisse man, dass sie dankbar für das seien, was die Lehrer vollbringen.

Mit durchschnittlich zehn Kindern gehen in der Förderschule deutlich weniger Mädchen und Jungen in eine Klasse als in der Regelschule. Die Lehrer können so schneller reagieren und differenzierter arbeiten. "Schüler brauchen Regeln, die es täglich einzuhalten gilt", so Silke Darnstädt. "Konsequenz ist wichtig. Auch als Lehrer ist es manchmal schwierig, durchzuhalten, immer wieder darauf zu drängen. Es schlaucht ganz schön. Zum Erfolg führt aber nur Kontrolle." Soziale Kompetenzen zu vermitteln könne von der Vorbereitung bis zur Durchführung her schwieriger als eine Deutsch- und Mathematikstunde sein. So kenne man zum Beispiel die Reaktionen der Kinder untereinander und auf sich selbst als Lehrer nicht, so dass kaum jemand morgens voraussagen könne, was am Tag geschieht. Spontanität sei gefragt und ganz oben stehe stets der Wunsch, dass jeder das Ziel erreicht. Angesichts der Tatsache, als Schule die gute Entwicklung gesehen zu haben und für viele ein zweites Zuhause, feste Begleitung gewesen zu sein, mischten sich unter jede Entlassungsfeier Bauchschmerzen. Auch in diesem Jahr standen einige bereits am nächsten Morgen wieder in ihrer Schule, um sich auszutauschen: "Auch das zeigt, dass wir eine feste Größe waren, dass sich die Kinder und dann Jugendlichen wohl gefühlt haben."

Zur Schule gehört, in der achten und neunten Klasse ein Praktikum zu absolvieren. Jedes sei ein Ausprobieren von Fertigkeiten, möglichst mit dem Ziel, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Die meisten präsentierten sich im Praktikum positiv, negative Rückmeldungen von Unternehmen seien die absolute Ausnahme: "Wer dabei gut ist, wird oft genommen." Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, an der Berufsschule in Parchim binnen eines Jahres die Berufsreife zu erreichen, was viele Unternehmen als Mindestqualifikation für den Abschluss eines Ausbildungsvertrages voraussetzen.

Seit zwei Jahren gibt es an der Förderschule keine erste Klasse mehr. Der Gedanke dahinter: Alle Kinder sollen zunächst eine Chance an der Regelschule bekommen. Plan ist, die Grundschulen mit Sonderpädagogen als Zweitlehrer auszustatten. Die Förderschule arbeitet seit der Änderung ab der fünften Klasse nach dem Programm "Lions-Quest - erwachsen werden". Es bietet unter anderem dem eingangs erwähnten Erwerb sozialer Kompetenzen breiten Raum.

Die Förderschule besuchen 90 Mädchen und Jungen, die von 13 Lehrern unterrichtet werden. So wie bei einer Niederlage noch niemand aufgebe, machten einige Schüler auch ohne große Gegenleistung der Schule ihren Weg. Etwas Angst vor neuer Herausforderung gebe es bei vielen: "Die weitaus meisten sind nicht so stark, wie sie manchmal tun."

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