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24. November 2017 | 12:20 Uhr

Unter allen Wipfeln ist Ruh

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erstellt am 09.Mär.2012 | 05:30 Uhr

Techentin/Langenhagen | Am Sonnabend sind zwei Beerdigungen. Udo Schröder rammt den Spaten in den Waldboden. Er gräbt ein Loch für die Urne. Neben dem Loch liegt schon ein kleiner Erdhügel, zwei Meter entfernt steht ein Baum. Die lehmigen Brocken sind nass. Schröder steckt einen Zollstock ins Loch. "80 Zentimeter", sagt er zufrieden und legt eine Holzplatte auf das leere Grab.

Seit etwas mehr als einem halben Jahr hebt Udo Schröder oft Gräber aus. Seitdem nämlich betreibt er im Wald im Techentiner Ortsteil Langenhagen einen Ruhewald. Eigentlich arbeitet der 52-Jährige in der Landwirtschaft. Doch Werner Nikow, Besitzer des Waldes und Gründer des Ruheforstes lebt in Rostock. Schröder und er kennen sich von der Jagd, sind befreundet. Irgendwann kam die Frage, ob Schröder den Ruhewald nicht als Pächter betreiben wolle. "Die Antwort auf diese Frage fiel mir und meiner Frau nicht leicht, wir haben uns das gut überlegt", erinnert sich der Mann, der in Lübz wohnt. Doch dann entschied sich das Paar im vergangenen Sommer für den Schritt. Bereut haben die beiden den Entschluss nicht.

Udo Schröders Frau Ute erledigt den Papierkram. Sie trägt eine grüne Mappe unter dem Arm. In der Mappe sind alle Gräber penibel verzeichnet. Alle Bäume und Grabpositionen sind mit dem Navigationssatellitensystem GPS eingemessen. "Wir wissen dadurch ganz genau, wo die Gräber sind, auch wenn sie von außen nicht zu erkennen sind", sagt die 50-Jährige. Sie holt einen Zettel aus der Mappe. Zwölf Punkte sind darauf um einen größeren Kreis verteilt. Um einen Baum herum liegen bis zu zwölf Urnengräber. 100 Jahre beträgt die Liegezeit. "Dann darf das Grab neu besetzt werden", sagt Ute Schröder. Dann allerdings sind sie Urnen schon seit Jahrzehnten verfallen und die Asche der Verstorbenen hat sich mit der Erde vermischt. Die Bio-Urnen bestehen aus Maisgranulat, zerfallen in kurzer Zeit. "Schon nach zwei Monaten hat sich die Asche mit der Erde vereint", sagt Ute Schröder.

Die Bestattung im Wald, sie wird immer beliebter. 2005 war der Naturruhewald in Langenhagen der erste seiner Art in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Sieben Jahre später gibt es nun schon sechs solcher Ruhewälder. Was bewegt Menschen, sich in einem Wald und nicht auf dem herkömmlichen Friedhof begraben zu lassen? "Viele sagen, dass man hier kein komisches Bauchgefühl hat", versucht es Ute Schröder mit einer Erklärung des Trends. Wer den Ruhewald von weitem sieht, der würde gar nicht denken, dass hier Tote ruhen. Der Wald liegt da wie jeder andere Wald auch. Buchen und Eichen strecken sich in den Himmel. Am Boden sammeln sich Laub und Zweige. Die Gräber im Wald muss niemand pflegen. Das übernimmt die Natur.

Ein paar Details sind dann aber doch anders als in einem gewöhnlichen Wald. An einigen Bäumen hängen kleine Metalltäfelchen. Auf manchen stehen die kompletten Namen der Verstorbenen, auf anderen nur die Anfangsbuchstaben. Manche Gräber sind vollkommen anonym. In der Mitte des elf Hektar großen Waldstücks leuchtet ein hellbraunes Holzkreuz zwischen den Bäumen hindurch. Auf einer kleinen Lichtung steht es vor einer 200 Jahre alten Buche.

Platz ist im Wald noch für viele Urnen. Für wie viele genau, das weiß Ute Schröder nicht. "Wir haben die Bäume nicht gezählt", sagt sie. Doch die Stämme stehen, so weit das Auge reicht. Belegt sein wird der Ruhewald nicht allzu schnell. Pro Jahr finden sowieso nur 20 bis 25 Beisetzungen statt. Manche Familien haben sich schon vorsorglich einen Familienbaum gesichert. So ein Familienbiotop ist ab 2500 Euro aufwärts zu haben. Der Preis richtet sich nach Größe und Optik des Baumes.

Auch Waldbesitzer Werner Nikow hat sich schon einen Baum gesichert. Die schönste und größte Eiche weit und breit. Es ist der Baum mit der Nummer eins. Udo und Ute Schröder haben auch schon einen Baum. Eine Buche. Nicht so dick wie die Eiche des Besitzers. Aber eine kleine Besonderheit gibt es auch bei ihnen: Es ist Baum Nummer 100.

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