Handwerk und Schule : Ungeahnter Blick durchs Fenster

Ein Duo, das sich gut versteht: Glasermeister Knut Neumann mit einem unrestaurierten und sein Praktikant Philipp Schlaak mit einem erneuerten Bleiglasfeld Fotos: Ilja Baatz
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Ein Duo, das sich gut versteht: Glasermeister Knut Neumann mit einem unrestaurierten und sein Praktikant Philipp Schlaak mit einem erneuerten Bleiglasfeld Fotos: Ilja Baatz

Der Lübzer Schüler Philipp Schlaak wurde für ein Praktikum gern von Glasermeister Knut Neumann aufgenommen. Er arbeitet an besonderen Aufträgen mit.

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01. Juni 2016, 12:00 Uhr

Philipp Schlaak aus Gischow, Neuntklässler der Regionalen Schule in Lübz, beendet seinen dortigen Besuch im Sommer und befindet sich gegenwärtig an drei Tagen in der Woche in der Phase des so genannten „Produktiven Lernens“. Es ermöglicht eine individuelle Berufsorientierung und überwindet die Kluft zwischen Allgemeinbildung und der Orientierung.

Unter anderem weil ihn Technik interessiert, wollte sich der junge Mann immer in Richtung Landwirtschaft orientieren. Dann half eine Lehrerin dem Schüler bei der Ausarbeitung eines Praktikumsvertrages und schlug ihm vor, sich einmal bei der Glaserei Neumann in Lübz vorzustellen, wo er sofort mit offenen Armen aufgenommen wurde. Inhaber Knut Neumann: „Selbstverständlich! Es ist für mich nicht das erste Mal und außerdem passte es sehr gut, weil ich gerade Aufträge bearbeitete, die absolut nicht alltäglich sind.“ Dabei handelt es sich um die Restaurierung der mehrere 100 Jahre alten Bleiglasfenster der Wittenburger Kirche – elf Felder mit einer Gesamtgröße von rund zehn Quadratmetern. Die ebenfalls zu bearbeitende Fläche aus dem Malchiner Gotteshaus ist sogar zehnmal so groß. Hier sind die Felder allerdings im Turm bis zu zehn Meter hoch eingebaut, was sogar den erfahrenen Meister noch beeindruckt. „Es ist erstaunlich, was damals schon gemacht wurde und immer wieder herausfordernd“, sagt er. „Ein Teil sieht nie wie das andere, aber auf jeden Fall immer schön aus.“ Die jetzt in der Werkstatt stehenden Felder haben sichtbar gelitten. Viele der kleinen, von Bleisprossen eingefassten Glasscheiben sind zerbrochen, der zu ihrem Halt untergedrückte Kitt krümelt heraus. Die Scheiben werden gegen neue getauscht und Stück für Stück wieder zusammengefügt. Nach dem Gießen der Rohlinge stellt Neumann auch die Bleisprossen auf einer Zugmaschine selbst her. Je nach Breite reicht ihre Länge von 35 Zentimetern bis 2,50 Meter.

Die aufwändig restaurierten Felder werden dem historischen Vorbild folgend mit Muschelkalk wieder in die Wände eingesetzt, die in der Bauphase notdürftig verschlossen sind. Dem Kalk fügt der Glaser Kälberhaare hinzu, um später Rissbildung zu verhindern – ebenfalls ein traditionelles Mittel.

Philipp arbeitet seit April in dem Betrieb, der ihm in unserer Region einzigartige Erfahrungen liefert. „Ich hätte nicht gedacht, dass Herr Neumann und ich uns so gut verstehen“, sagt er. „Die Arbeit macht viel Spaß. Eine Lehre kann ich mir auch hier vorstellen.“

Bei diesem Satz wird der Firmeninhaber hellhörig, denn: „Seit fünf Jahren habe ich nicht eine Bewerbung mehr bekommen! Auch davor waren es schon sehr wenig, manchmal nur ein oder zwei im Jahr.“ Mit dieser Erfahrung reiht sich der Lübzer in die Reihe diverser Betriebe ein, die das Handwerk vertreten. Es gelte zunehmend als unattraktiv. Die gesellschaftliche Ausrichtung sei in allen Bereichen immer mehr von Theorie und entsprechenden Arbeitsplätzen geprägt. „Dann ist in sehr vielen Fällen aber auch eine andere Einstellung inklusive der erarbeiteten Zensuren notwendig!“, meint Neumann. „Anderen und mir fehlt der Nachwuchs. So mache ich mir auch Gedanken um die Zukunft meiner 1920 gegründeten, jetzt in der vierten Generation geführten Firma.“

Aus alter Zeit übrig geblieben sind drei alte, große Bleiglasfelder mit bunten Scheiben, von denen eines das Büro von Neumann ziert – objektiv beurteilt besondere Schönheiten, die aus einem nicht mehr existierenden Gartenhaus der Familie stammen und vor dessen Abbruch Gott sei Dank gerettet wurden. Das Gebäude stand dort, wo heute die B 191 etwa in Höhe der Bahnhofstraße verläuft. Die Umgehung wurde 1969 gebaut und begrub mehrere Gärten unter sich.

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