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Ausstellung in Mestlin : Trotzig sinnierendes Aufbegehren

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Die am Sonnabend im Mestliner Kulturhaus eröffnete Ausstellung „Bogensee 1983 bis 86, junge Kunst im Auftrag” zeigt wenig Linientreues

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erstellt am 18.Jul.2017 | 12:00 Uhr

Absperrungen. Im Vordergrund ragt ein Schlagbaum ins Bild, im Hintergrund breitet ein weiß gekleideter Schutzmann die Arme aus, signalisiert „Halt“. Als wären sie gerade aus seinem Kopf entwichen, zieht eine Phalanx ebenfalls weißer Vögel über die triste Straßenszene hinweg, in der nur das rosa Kleid einer jungen Frau einen freundlichen Farbwert abgibt. Die Rede ist von einem großformatigen Ölbild, das der Bernhard-Heisig-Schüler und nunmehr berühmteste Vertreter der Leipziger Schule, Neo Rauch, in den 80er Jahren schuf. Drei überschlanke, in der Vertikalen stark betonte männliche Gestalten scheinen gefangen zwischen Schlagbaum und Schutzmann, jede versinnbildlicht eine andere innerliche Befindlichkeit in dieser Situation der Einsperrung: trotzig sinnierendes Aufbegehren, Liebe, träumende Bewegung. Unschwer sind in den drei Männern Selbstporträts des Künstlers zu erkennen. Eine vierte Bildgestalt kehrt dem Betrachter den Rücken zu, hält den Blick auf den Schutzmann gerichtet.

„An der Kreuzung“ heißt das Bild von Neo Rauch. Zur Zeit hängt es neben anderen Werken, die in den 80er Jahren an Hoch- und Fachschulen der DDR entstanden waren und für die künstlerische Ausgestaltung der FDJ-Hochschule in Bogensee geordert wurden, im Kulturhaus in Mestlin (wir berichteten.) Und auch wenn manch einer der ehemaligen Kunststudenten sich heute von diesen Werken distanziert, so wie etwa Neo Rauch, stellen sie doch einzigartige künstlerische Zeitdokumente dar. Zwischen sozialistischem Realismus und Surrealismus, erläutert Kurator Herbert Schirmer in seiner Eröffnungsansprache zur Vernissage am Sonnabend, changieren die meist großformatigen, in Öl- oder Mischtechnik gemalten Bilder, die ausnahmslos in die Kaderschmiede der FDJ am Bogensee wanderten und uns naive Betrachter heute erstaunen: Soll das linientreue Malerei sein? Ist die geradezu überschäumend religiös-mythisch aufgeladene, somit auch traditionelle Bildsprache eines Roland Borchers („Im Turm“), sind die plakativen Gemeinplätze – wie Mummenschanz, Verstellung und moralische Aushöhlung - des Triptichons „Fasching“ von Axel Krause etwa vereinbar mit einem spezifisch sozialistischen Kunstbegriff? Sie sind es nicht. Und selbst da, wo uns ein Bild in einen Betrieb, in das Arbeitsleben führt, zeigt es zwar Arbeit, aber eben nicht Arbeit im Sozialismus.

Eine Antwort auf die Frage, wie die unerwartet unideologischen, ja, teils sogar systemkritischen Werke an die Wände einer DDR-Kadersschmiede gelangen konnten, ließ sich bei Bernd Ludewig, dem besonderen Gast dieser Vernissage, suchen. Der damals bereits vierzigjährige Mitarbeiter der FDJ-Hochschule wurde 1983 mit dem Auftrag betraut, nicht nur Bogensee, sondern auch das Haus der Jugend in Berlin „bildkünstlerisch auszugestalten“. Verträge mit sieben Fach- und Hochschulen wurden geschlossen, darunter waren die Kunsthochschulen Dresden, Leipzig, Halle und Berlin. Natürlich, berichtet Ludewig sinngemäß, sollte das Wirken der Arbeiterklasse abgebildet werden, ebenso ein Bild der FDJ in Gegenwart und kommunistischer Zukunft. „Nur“, erinnert der Beauftragte, „wurde gesehen, dass das künstlerisch nicht ging.“ Er habe sich dann auf das individuelle Prinzip in den Ateliers berufen. Im Übrigen habe die Erschaffung der Bilder eine „doppelte Anbindung“ gehabt, denn die Arbeiten für Bogensee wurden als Diplomarbeiten anerkannt. „1983 bis 1986“, schließt Ludewig und es darf vorsichtig angemerkt werden, dass seine Augen dabei leuchten, „waren die interessantesten Berufsjahre meines Lebens. Das lässt mich nicht mehr los.“

Am Ende des offiziellen Teils der Ausstellungseröffnung dankte Vereinsvorsitzende Claudia Stauß dem Kurator und ehemaligen Begründer des Kunstarchivs Beeskow, Herbert Schirmer, mit einem bunten Blumenstrauß für die Ausrichtung dieser Schau. Mit einer anrührend noblen Geste reichte dieser den Strauß zurück. Die symbolische Anerkennung galt dem konsequenten Einsatz von Claudia Stauß für das Kulturhaus, das nun auch den Spielstättenpreis erhalten hatte. Er war auf dem ersten der beiden Mestliner Konzerte der Mecklenburger Festspiele am Freitag überreicht worden.

 

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