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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

23. Oktober 2017 | 19:21 Uhr

Auf die Bretter : Tango gegen die Gleichgültigkeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Im großen Saal des Mestliner Kulturhauses wurde jetzt „Tango“ von Autor Slavomir Mrozek inszeniert. Premiere ist am kommenden Sonnabend

Ein großer Theatersaal mit geräumiger Bühne liegt nicht mehr brach. Jüngst erhielt er einen neuen, wenn auch noch provisorischen Holzboden und seit sechs Wochen erarbeitet die Kompanie der theaterBurg Roßlau auf neuen Brettern ein weltbekanntes Stück: Slavomir Mrozeks „Tango“.

Es ist einiges los zur Zeit im Mestliner Kulturhaus. Nicht nur wurden eine Ausstellung und ein facettenreiches Rahmenprogramm vom Verein ausgerichtet, jetzt steigt am Sonnabend, den 16. Juli um 20 Uhr, wieder ein Großereignis, aber ganz anderer Art. Durchweg hat der Roßlauer Produzent Benjamin Kolass gestandene Bühnenprofis engagiert, mit dem Effekt, dass sich heuer in einem kleinen Dorf irgendwo zwischen Hamburg und Berlin die Welt des großen Theaters öffnen wird: Ein absolut geistreiches, in seiner Absurdität irre witziges Stück verbindet sich in Mestlin mit Theaterleuten, die das Stück so bunt und turbulent, so drastisch und verzweifelt, wie es ist, auf die Bühne zaubern können.

Über Schauspieler Ismael Volk, der in „Tango“ die Hauptrolle des Artur spielt, haben die Mestliner Netzwerker Kontakte zum Roßlauer Sommertheater in Sachsen-Anhalt knüpfen können. Eine Kooperation entstand. An der theaterBurg Roßlau wird die Produktion insgesamt elfmal zu sehen sein, in Mestlin nach der Premiere noch am 22. und 23. Juli, wieder um 20 Uhr. Geprobt wurde ausschließlich hier, Regie führte, so einfühlsam-vorsichtig wie bestimmt, Susanne Reichard. Und so beginnt das Spektakel: Artur, ein wütiger Fünfundzwanzigjähriger, stürmt auf die Bühne, stülpt Onkel Eugen (Klaus Hänscheid) einen Vogelbauer über den Kopf und befiehlt Oma Eugenia (Johanna Mariana) „auf den Katafalk“. Hier soll die Ärmste ein bisschen über die Ewigkeit nachdenken. Arturs Problem: Ihm fehlt die „Welt“, in die er eintreten könnte. Die Eltern, im Streben nach Grenzüberschreitung und Überwindung der Konventionen, haben sie angeblich erfolgreich abgeschafft. Nun ist alles erlaubt und, laut Artur, nichts mehr existent. Der Künstler-Vater (Wolfgang Kaiser) läuft ausschließlich im Schlafanzug „mit offenem Hosenstall“ herum und Mutter (Ute Loeck) schläft gelegentlich mit dem Bediensteten, dem prolligen Edek (Tobias Hey). „Ihr seid so grauenhaft tolerant“, wütet der Sohn und versucht, ziemlich erfolglos, in die „gestaltlose Masse“ seiner Familie wieder Prinzipien und Form hinein zu prügeln. Als Cousine Ala (Gotlind Volk) auftaucht, hat er eine Idee...

Mrozeks Stück ist eine Parabel, eine Art Gleichnis. Der verrückte Kosmos der Familie steht für die Welt der Moderne, speziell die libertinären, abgehobenen Anschauungen einer Künstler- und Intellektuellengesellschaft, deren Kraftlosigkeit ein Vakuum schafft, in das Triebkräfte ganz anderer Art ohne Weiteres einbrechen können. Regisseurin Susanne Reichard, die im Kulturhaus seit Jahren auch als Theaterpädagogin mit Jugendlichen arbeitet, bescheinigt „Tango“, entstanden in den sechziger Jahren, „große Aktualität“: „Es ist wie der Tanz, ein ständiger, unberechenbarer Wechsel von Annäherung und Abstoßung.“ Sekündlich prallen die verschiedensten Gefühlswelten aufeinander, denn „die Figuren interessieren sich nie wirklich für die Welt des anderen“. Hier erkennt sie die Verbindung zwischen dem Stück und unserer Gegenwart, nämlich in der Unverbindlichkeit, die unsere Gesellschaft kennzeichnet und dem Fanatismus radikaler Strömungen Raum eröffnet.

Eine absolut sehenswerte Aufführung, nah am (gekürzten) Text inszeniert, inklusive Mrozeks Anweisungen für Bühnenbild und Kostüme (Peter Enterlein, Anke Lenz, Oliver Opara), deren Anblick allein schon Appetit auf das Stück macht.


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