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Demonstration ProSchiene : Südbahn plus Rufbus gefordert

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Scharfe Worte von Verkehrsexperte Thorsten Hensel auf Demonstration von „ProSchiene“: Politik riskiert Ausbluten des ländlichen Raums

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Thorsten Hensel ist seit 25 Jahren in mehreren Bundesländern ehrenamtlich für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) aktiv, diesbezüglich mittlerweile Berater für den Landkreis Lüchow-Dannenberg und beschäftigt sich auch mit der Südbahn. Am Freitagabend nahm er zum ersten Mal an einer Demonstration der Bürgerinitiative (BI) „ProSchiene“ auf dem Lübzer Bahnhof teil und fand deutliche Worte: „Es ist eben nicht egal, ob Bahn oder Bus verkehren, wie man den Leuten sagt. Die Bahn ist nichts für Fetischisten, sondern nachweislich das attraktivere Verkehrsmittel für weitere Strecken ab 20 Kilometer.“ Aus eigener Beobachtung wisse Hensel aus mehreren Regionen, dass Fahrgastzahlen bei einer Umstellung drastisch einbrechen und auch einen Bus könne man aus ökologischen Gründen nicht leer durch die Gegend fahren lassen. Außerdem werde eine ins Auge gefasste Lösung aus Bus und Rufbus viel teurer als veranschlagt. „Hier wird versucht, Bahn und Bus gegeneinander auszuspielen – völliger Blödsinn und unverantwortlich!“, so der Experte. „Ein Rufbus ist in der Fläche durchaus sinnvoll, aber kein Ersatz, sondern als guter Zubringer zur Bahn. Außerdem ist es unfair, beim hiesigen Busbetrieb mit nicht vergleichbaren Zahlen aus anderen Regionen falsche Erwartungen zu wecken und ihn auf diese Art und Weise über den Tisch zu ziehen.“

In Lüchow-Dannenberg gebe es seit 40 Jahren keine durchgehende Bahnlinie mehr, hier erst seit rund einem Jahr, so dass die Chance noch groß sei, das Ausbluten des ländlichen Raums zu stoppen. Engagement nur auf die Zentren zu beschränken, sei falsch, weil dieses Vorgehen die gesamte Region hinunterreiße. „Der Politik muss klar sein, was sie anrichtet, wenn die Infrastruktur zerstört wird“, sagt Hensel. „Aber das ist der Punkt: Verkehrspolitik wird hier auf mehreren Ebenen nicht ernst genommen. Der größte Skandal ist, dass das Land 40 Millionen Euro aus Regionalisierungsmitteln gespart hat, jedoch keinen Cent für den Fehlbedarf herausrückt. Geld ist also da. Man müsste lediglich ein Prozent dieser Summe aus der großen Schatzkiste herausgeben und Südbahn und Rufbus könnten weiterfahren.“

Der BI-Vorsitzende Clemens Russell sagt, dass der Weiterbetrieb des ÖPNV in der Kombination aus Bus und Bahn nach Berechnung der BI einen Fehlbetrag in Höhe von rund 430 000 Euro verursache, der Landkreis gehe von rund 480 000 Euro aus. Wenngleich auch im Kreistag niemand für diese Summe aufkommen wolle und das Thema für den Landrat Vergangenheit sei, wären beide Summen wegen der Ersparnis auf Landesseite kein Problem. „Aber eine Auszahlung würde den Plan konterkarrieren, die Südbahn letztlich ganz zu schließen“, so der Vorsitzende. „Da wäre der Gesichtsverlust für den Minister, bei dem wir stets auf Granit gebissen haben, zu groß.“ Fest stehe, dass die Bahn Geschichte ist, wenn sich der Plan mit Bus und Rufbus durchsetze.

Gast bei der Demonstration war auch Christian Stopsack, kaufmännischer Leiter der Verkehrsgesellschaft Ludwigslust-Parchim mbH (VLP). Ihm zufolge setze sich sein Unternehmen vor allem dafür ein, „wieder ÖPNV in die Fläche“ zu bringen und Individualverkehr zu verringern. Mit zu den Grundsätzen gehöre, nicht gegen die Bahn sein.

Stopsack bekam Hinweise zu hören, dass die arbeitende Bevölkerung etwa mit der alternativ zur Südbahn eingesetzten Buslinie 77 zwischen Parchim und Malchow wegen der Fahrzeiten nichts anfangen könne, deshalb auf ein Auto angewiesen sei und sich jemand, der zum Beispiel nach Hamburg fahren möchte, vermutlich lieber mit dem Auto nach Ludwigslust fährt und dort in den Zug steigt, bevor er ab Lübz den Bus nutzt und dann insgesamt fast vier Stunden benötigt – rund doppelt so lange. Außerdem müsse man – so wörtlich – „kriminalistisches Talent“ besitzen, um im Internet die richtigen Fahrzeiten zu entdecken. Der Gast entgegnete, dass die VLP solche Beobachtungen schriftlich brauche: „Im Landkreis soll ein neues ÖPNV-Konzept erarbeitet werden. Das ist nicht mit einem Fingerschnipsen zu machen.“

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