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22. November 2017 | 06:48 Uhr

Streit über betreutes Wohnen

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erstellt am 30.Mär.2012 | 09:22 Uhr

Goldberg/Dobbertin | Die Dobbertiner kennen es gar nicht anders: Auf dem Klostergelände leben schon seit Jahren behinderte Menschen. Sie gehören in der Gemeinde zum Stadtbild, fallen den Bewohnern kaum noch auf. Hier ist die Inklusion (siehe Erklärung Infokasten rechts) vielfach schon verwirklicht. Menschen mit Behinderungen sind hier nicht bloß wohlwollend integriert, sondern alltäglicher Teil des Ganzen.

In Goldberg ist das anders. Auch hier leben zwar behinderte Menschen, anders als in Dobbertin gehören sie aber weniger selbstverständlich zum Stadtbild. Einige Goldberger haben Berührungsängste, wenige fühlen sich gar bedroht. Zugespitzt hat sich die Situation innerhalb der vergangenen Wochen im Neubaugebiet, so jedenfalls die Wahrnehmung einiger Bewohner des Viertels.

Auf der jüngsten Goldberger Stadtvertretung brachte die Fraktion Bürger für Goldberg das Thema, das eigentlich gar nicht auf der Tagesordnung stand, kurz vor Ende der Sitzung auf den Tisch. Nachts seien Wohngruppen ohne Betreuung, hieß es von den beiden Stadtvertretern Dieter Langer und Gustav Graf von Westarp. Letzterer betonte, dass es nicht darum gehe, behinderte Menschen auszusperren. "Aber die Bürger müssen sich sicher fühlen", so Graf von Westarp. Auch sein Fraktionskollege Dieter Langer unterstrich, dass die Zahl der Straftaten in Goldberg dramatisch zunehme und spannte ziemlich unverhohlen einen Bogen zum betreuten Wohnen.

FDP-Kommunalpolitiker Rüdiger Lewerenz wandte sich hingegen vehement gegen die Anmerkungen. "Gegen Aussagen wie ,Die dürfen wir nicht frei herumlaufen lassen’ wehre ich mich ausdrücklich", sagt er in Richtung der Bürger für Goldberg. Sätze wie diese seien gefährlich und ausgrenzend. "Viele der behinderten Menschen sind mir sogar ganz besonders positiv in Erinnerung geblieben", betonte Lewerenz.

Marc Korbmacher, der als Prokurist beim Diakoniewerk auch den Bereich Behindertenhilfe verantwortet, bringt nun Licht ins fachliche Dunkel der Diskussion. Im Goldberger Neubaugebiet leben 20 Menschen, die von Mitarbeitern des Diakoniewerks Kloster Dobbertin betreut werden. Die meisten allerdings nur stundenweise, wenn es beispielsweise gilt, Arztbesuche zu machen oder einzukaufen. Einige der Menschen haben an drei, andere an fünf Stunden in der Woche einen Betreuer an der Seite. "Es sind Menschen mit nur leichten Behinderungen, die in ihren eigenen vier Wänden leben", sagt Korbmacher. Neben diesem ambulanten Wohnen gibt es außerdem eine stationäre Trainingswohngruppe mit dauerhafter Betreuung rund um die Uhr.

Auch Korbmacher stellt sich gegen eine unsachliche Diskussion. Natürlich müsse sich jeder Bürger in Goldberg sicher fühlen. "Aber ich wünsche mir, dass solche Themen sachlich besprochen werden und dass dann auch Vertreter des Diakoniewerkes Stellung beziehen können", betont der Prokurist. Es mache keinen Sinn, Klischees zu bedienen. Im Goldberger Plattenbaugebiet gebe es vielschichtige Probleme und es mache daher keinen Sinn, dem Diakoniewerk den schwarzen Kater zuzuschieben. Korbmacher spricht von "Übersensibilität" und Halbwissen. "Die meisten wissen gar nicht, wer von uns betreut wird und wer nicht", sagt er. Massive Probleme strafrechtlicher Natur mit den vom Diakoniewerk ambulant betreuten Menschen gebe es nicht.

Während die Zusammenarbeit zwischen Diakoniewerk und Goldberger Wohnungsbaugesellschaft gut zu funktioniert, lässt die Zusammenarbeit mit einigen Kommunalpolitikern offenbar zu Wünschen übrig. "Wir würden uns über einen offenen Dialog freuen und sind gerne bereit, Gespräche fachlich zu begleiten", sagt Korbmacher.

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