Älteste Bäckerei in Lübz : Sorge um kleine Bäckereien

Seit 100 Jahren eine Tradition: Helmut Lau mit einem der vier zum Erntedankfest von ihm hergestellten Brote,  die in die Kirche gebracht werden ilja baatz
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Seit 100 Jahren eine Tradition: Helmut Lau mit einem der vier zum Erntedankfest von ihm hergestellten Brote, die in die Kirche gebracht werden ilja baatz

Kleine Bäckereien haben Experten zufolge langfristig keine Überlebens-Chance. Der Lübzer Bäckermeister Helmut Lau bestätigt die Aussage: Betriebe unterhalb bestimmter Größe schaffen es nicht.

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27. September 2012, 09:56 Uhr

lübz | Einer Statistik zufolge schließt in Deutschland jeden Tag eine private Bäckerei für immer ihre Türen. Dazu sagt Helmut Lau, dessen 1910 von seinem Großvater gegründete Bäckerei das mit Abstand älteste Geschäft dieser Art in Lübz ist: "Kleine Betriebe sind auf Dauer nicht überlebensfähig und wer einen mittelgroßen übernimmt, muss Idealist sein. Ein Geselle besitzt in der Regel noch nicht ausreichende Erfahrung und wer zum Beispiel eine Million Euro übrig hat, wird mit ihr kaum eine Bäckerei kaufen, denn wer hat schon Lust, sieben Tage in der Woche zwischen 14 und 16 Stunden täglich zu arbeiten? Ich bin in der glücklichen Lage, dass einer meiner beiden Söhne - er ist gelernter Banker - aus Berlin zurückgekommen ist, den Betrieb übernommen hat und jetzt als Seiteneinsteiger bei uns lernt."

A und O sei, dass die eingesetzten Maschinen ausgelastet sind, um die immer teurer werdende Energie zu möglichst 100 Prozent zu nutzen. Dies bedeute gleichzeitig, die entsprechende Menge an Produkten verkaufen zu können, was in nur einem Geschäft kaum möglich sei. "Unmittelbar nach der Wende waren wir ein kleiner Familienbetrieb mit zwei Gesellen und einer Halbtagsverkäuferin. Außerdem half meine Frau mit", sagt Lau. "Jetzt sind wir 40 Leute - zwangsweise, um das Überleben zu sichern. Die Kunden wollten größere Vielfalt und zudem nicht weit laufen, so dass wir zwei Filialen öffneten und jetzt zusätzlich mit zwei Verkaufswagen unterwegs sind." Erste mobile Filiale war der "Blaue Engel", der alte Anhänger von der HO.

Die Kunden eiferten westlichen Entwicklungen nach und verlangten zum Beispiel größere Brötchen. Dass die bisherigen besser waren, hätten die meisten erst viel später bemerkt. "Frische und besonders gute Qualität waren/sind unsere hauptsächlichen Chancen gegenüber den Discountern", sagt Lau. "Auch deren Brot ist zum Beispiel verkaufsfähig, aber im Gegensatz zu uns weiß dort niemand genau über die Inhaltsstoffe bescheid. Mehr Chemie ist es auf jeden Fall. Viele Kunden sind zu Fachgeschäften zurückgekommen."

Wenn zu DDR-Zeiten täglich tonnenweise Brot hergestellt wurde, sei dies auch nicht normal gewesen. Damals war es dem Meister zufolge ungewöhnlich, wenn um 9 Uhr morgens noch Brötchen im Laden lagen. Jetzt gebe es sie bis abends, gebacken wird heute zweimal täglich. Die ersten Mitarbeiter kommen um 23 Uhr des Vortages, die letzten um 4 Uhr morgens.

Die Umstellung nach der Wende sei schwer gefallen. Dies betrifft auch die Höhe der Preise, die früher feststanden und dann frei kalkuliert werden mussten/immer wieder neu festgelegt werden müssen. "Ein ganz großes Ziel ist, möglichst alle Kunden zu erreichen", so Lau. Wenn jemand sage, dass etwas zu teuer ist, gehöre auch erwähnt, dass ein Brötchen vom Bäcker in unserer Region 22, in Hamburg etwa jedoch 40 Cent koste. Bei einem Kilo Mischbrot betrage der Unterschied rund ein Euro.

Mitte der 90er Jahre war der Lübzer Meister Vorstandsmitglied der Handwerkskammer Schwerin. Schon damals beklagte er die nach seinen Erfahrungen überwiegend sehr schlechten Fähigkeiten von Bewerbern beim Umgang mit Grundrechenarten: "Fragen Sie sie zum Beispiel mal, wie viele Quadratmeter ein Hektar sind oder wie man 25 oder 50 Prozent anders ausdrückt. Die Antworten sind sehr oft katastrophal oder bestehen nur aus einem Achselzucken. Und das kleine Einmaleins brauche man nicht auswendig zu wissen, weil es schließlich einen Taschenrechner gebe. In der Handwerkskammer wurde mir nicht geglaubt, obwohl ich alles durch viele Vorstellungsgespräche belegen konnte. Angeblich übertrieb ich, denn es handele sich im Einzelfälle. Gott sei Dank muss diese Generation nicht meine Rente verdienen. Das könnte leicht schiefgehen." Die schlechten Erfahrungen seien mit ein Grund dafür, dass die Bäckerei Lau mittlerweile keine Lehrlinge mehr ausbildet.

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