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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

23. September 2017 | 22:14 Uhr

Hilfen in der Not : Sorge um Beratungsstelle in Lübz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Schuldnerberatung des Arbeitslosenverbandes kritisiert Landesplanung. Hier hat man Angst um Fortbestand gewachsener, bewährter Strukturen.

von
erstellt am 07.Sep.2017 | 05:00 Uhr

Auch in unserer Region sind viele Menschen hoch verschuldet. Hilfe finden sie bei der vom Arbeitslosenverband getragenen Schuldnerberatung in Lübz. Wer hierher kommt, wird unter anderem von Dr. Heiko Hahnel beraten. Er freut sich, dass die so genannten „Pfändungsfreigrenzen“ zum 1. Juli 2018 von 1079 auf 1139 Euro (gilt für eine Einzelperson ohne Unterhaltspflicht) steigen. „Es ist die Summe, an die niemand herankommt, die ich als Betroffener auf jeden Fall behalten kann“, so der Finanzfachmann. Bestehen nicht zu umgehende Pflichten, sind die Beträge höher: Bei Mann oder Frau mit einem Kind etwa geht es ab 1569 Euro los – unabhängig, bei wem der Nachwuchs lebt.

Die ausgezahlte Summe werde alle zwei Jahre vom Gesetzgeber überprüft und in der Regel auch angehoben. Als großzügiges Geschenk dürfe man dies jedoch nicht ansehen. „Ich bin zwar froh über die in Aussicht gestellte Entwicklung, aber es gab auch schon Zeiten, in denen die Beträge nicht angehoben wurden“, sagt Dr. Hahnel. Im Jahr 2005 etwa lag die Festlegung für eine Person, die zu keinen Unterhaltszahlungen verpflichtet war, bei 989 Euro im Monat. Teuerung und Inflation berücksichtigt schätzt der Berater, dass die heutige Summe rund 150 Euro unter der liegt, die man eigentlich auszahlen müsste, um Gleichheit gegenüber damals zu erreichen.

Niemand könne beispielsweise grundsätzlich dazu gezwungen werden, eine neue Wohnung zu beziehen. Selbst handeln muss man allerdings, wenn die Miete so hoch ist, dass nach ihrer Zahlung nicht mehr genug zum täglichen Leben übrig bleibt.

Kritik übt Dr. Hahnel daran, dass sich das Land bereits seit einigen Jahren – so wörtlich – „aus der Verantwortung stehlen“ – wolle. Alle bestehenden Beratungsstellen mit unterschiedlichsten Aufgaben (egal, ob zum Beispiel in Sucht-, Familien- und Migrationsfragen wie auch die Schuldnerberatung) sollten langfristig im Gegensatz zu jetzt zusammengefasst werden. Plan sei, dem jeweils zuständigen Landkreis eine Geldsumme für alle zur Verfügung zu stellen, die er dann selber aufteilen solle. Monmentan wird noch jede Anlaufstelle für sich gefördert.

Das Land habe „weiße Flecken“ beseitigen und stattdessen Zentren schaffen wollen. Ein Problem sei, für Letztgenannte Träger zu finden, weil sie mit den vorgestellten Planungen überfordert wären. Noch handele es sich nur um eine Idee, doch der Widerstand (in unserem Raum von Seiten des Arbeitslosenverbandes) sei deutlich geworden.

Der für die Aufrechterhaltung der Beratungen zu zahlende Eigenanteil liegt momentan zwischen fünf und zehn Prozent der Gesamtsumme. Später könnten es bis zu 40 Prozent sein, wenn die beschriebenen Ideen umgesetzt werden. Die Aussichten verdeutlicht Dr. Hahnel so: „Schon zehn Prozent überfordern uns.“

Knapp die Hälfte kommt momentan vom Landkreis (auch dieser Wert war schon niedriger), fast 45 Prozent steuert in Lübz das Land bei. Die verbleibenden rund sechs Prozent, die der Arbeitslosenverband – nie zu vergessen: gemeinnützig tätig – aufbringen muss, bedeuten gegenwärtig eine reelle Summe von gut 10 000 Euro. Am 1. Januar werde im Raum Vorpommern/Greifswald ein Modellprojekt mit der neuen, beschriebenen Ausrichtung beginnen. „Hilfesuchende werden dann über online-Plattformen von einer allgemeinen Sozialberatung weiterverwiesen“, so Dr. Hahnel. „Nicht der eigentliche Bedarf, bestehende Not, sondern das Budget bestimmt die Planung. Es ist eine Neugestaltung am Reißbrett und man lässt alternatives Denken nicht zu. Und damit kann ich nicht leben.“ Weder die Ideen von regionalen und überregionalen Trägern, noch das überall zentral wichtige Ehrenamt hätten Berücksichtigung gefunden. Zu kritisieren bedeute nicht, die Beziehung zum Land belasten zu wollen, sondern es gehe vornehmlich um die Angst, dass lange gewachsene, erfolgreiche Strukturen wegbrechen. Durch die Vergabe eines großen Betrages an die Landkreise würde man die Strukturen nicht mehr wie gewohnt hinterfragen: „Dann drohen chaotische Zustände.“

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