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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

25. September 2017 | 07:57 Uhr

Kultur : So viele Gäste wie noch nie begrüßt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Der Verein Wasserkraft Bobziner Schleuse präsentierte das Rostocker „Duo Federleicht” mit Schlagern der zwanziger bis vierziger Jahre.

von
erstellt am 24.Jul.2017 | 12:00 Uhr

Parkplatznot! Stuhlalarm! Immer mehr Gäste sind die alte Holztreppe zum Saal des Bobziner Kraftwerks hinaufgestiegen – und Arno Pommerrenke tritt der Angstschweiß auf die Stirn. Wohin mit den vielen Menschen? Es ist warm an diesem Freitagabend, Luft dringt nur vom Eingang her in den von Stützpfeilern durchsetzten Raum mit den kleinteiligen Fabrikfenstern vor. Budenzauberambiente, ausgerichtet auf eine improvisierte Bühne. Arno Pommerencke, erster Vorsitzender des Vereins Wasserkraftwerk Bobziner Schleuse, tritt sommerlich unkompliziert gekleidet vor das Publikum, schmunzelt, sagt: „Herzlich willkommen. So viele Gäste sind noch nie zu einer Veranstaltung ins Kraftwerk gekommen.“ Und er sei jetzt auch ganz froh, dass er wieder abtreten könne. Das Publikum lacht.

Pommerencke tritt also ab und das Duo Federleicht tritt auf: Der zierlichen Sängerin im Kostüm der 1920er-Jahre gehört sofort die Gunst des Publikums. „So muss man aussehen, wenn man die Lieder von damals singt“, lobt eine Dame in der ersten Reihe. Gleiches zeichnet den Mann am Klavier aus, den männlichen Part des Duos. Auch er steckt im Bühnendress der 1920er-, 1930er-Jahre: Frack, Hemdbrust, galante Fliege unterm Kinn, ein bisschen à la Max Raabe. Und dann haut er in die Tasten: „Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück... .“ Und die „Oldies, but Goldies” zünden sofort, das ist unverstaubtes Kulturinventar, ein Verfallsdatum nicht abzusehen. Das Publikum klascht mit.

Mittlerweile bietet der Mann am Klavier bereits den Sessel, der auf der Bühne steht, als letzte freie Sitzgelegenheit an. Sie wird nicht angenommen, die Bühne bleibt den Profis überlassen. Zwischen den Darbietungen der unvergessenen „Popsongs” der Zwischenkriegs- und der Kriegszeit erfährt das Publikum Informatives: Dank „Willi Schwabes Rumpelkammer” haben die Künstler jene unverkennbaren Lieder kennen und lieben gelernt, berichten sie. Zur Zeit der DDR seien die alten Hits nicht unbedingt wohlgelitten gewesen. Und in der Tat: Nur scheinbar sind sie aus dem Volk hervorgegangen. Bürgerliche Textschreiber und Komponisten haben sie erschaffen. Ausgelassener Witz verband sich in den Zwanzigern und zu Beginn der Dreißiger mit alltäglichen Themen wie im „Kleinen grünen Kaktus” der Commedian Harmonists. Das Genre okkupierte die Kleinkunstbühnen der Städte, seine Erzeugnisse schwangen sich heiter und verspielt über die Unruhe vor dem Sturm, sprich, vor der Weltwirtschaftskrise, der so genannten Machtübernahme Hitlers und des späteren Kriegselends hinauf. Später zeigten die Songs jene ganz bestimmte Nonchalance, mit der es sich in hohem Ton und einem Schuss Fatalismus über private Katastrophen triumphieren ließ: „Nur nicht aus Liebe weinen, es gibt im Leben nicht nur den einen...“. Beschworen den Reichtum der Musik gegen die materielle Not: „Ich brauche keine Millionen” und hatten seitens der Nazi-Regierung die Funktion, von der Politik abzulenken, später zum Durchhalten während der Kriegskatastrophe zu animieren. „Aber es lagen auch versteckte Botschaften eines gewissen geistigen Widerstands darin”, sagen Sunna Hollmann und Nils Albrecht, die Protagonisten von „Federleicht”. Beispielsweise in einem Stück wie „Davon geht die Welt nicht unter...” des Komponisten Michael Jary und des homosexuellen Texters Bruno Balz.

Was von diesem Juliabend bleibt, ist der Eindruck, dass das Rostocker Bühnenpaar sein Publikum mühelos in Schwingung versetzen konnte. Er ganz selbstbewusster Begleiter und Conferencier, Sunna Hollmann mit sehr hellem, geschulten Sopran und einer bezaubernd natürlichen Ausstrahlung. Dieses Liedergenre war wie geschaffen für sie. Vielleicht dank der Gene? Immerhin, verrät sie, war der Großvater Salonmusiker und Kapellmeister in den dreißiger Jahren.

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