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Fitness junger Dobbertiner auf den Prüfstand : Sit-ups für die Wissenschaft

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Die Bauchmuskeln sind angespannt. Das Lächeln ebenfalls. Mit Kraft bewegt Anne ihren Oberkörper Richtung Knie, um ihn gleich wieder auf die Matte sinken zu lassen. Immer wieder. Sit-up um Sit-up wird ihr Atem schneller.

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erstellt am 09.Mär.2012 | 06:10 Uhr

Dobbertin | Die Bauchmuskeln sind angespannt. Das Lächeln ebenfalls. Mit Kraft bewegt Anne Fritz ihren Oberkörper Richtung Knie, um ihn gleich wieder auf die Matte sinken zu lassen. Immer wieder. Sit-up um Sit-up wird ihr Atem schneller. Und die Sekunden rasen. Fabian Amberger schaut auf die Stoppuhr. Anne Fritz liegt gut in der Zeit. Für die Sportstudentin sind solche Übungen ein Kinderspiel, für ihre Probanden nicht. Denn eigentlich liegt nicht sie auf der Matte. Kinder und Jugendliche aus Dobbertin müssen sich Sporttests wie Sit-ups auf Zeit stellen. Ihre Ergebnisse sollen Aufschluss darüber geben, wie sich die Fitness junger Leute in den vergangenen Jahren entwickelt hat, wie sich Freizeitaktivitäten auf die motorische Leistungsfähigkeit und die Gesundheit auswirken.

Anne Fritz, Fabian Amberger, Dennis Schlesinger und Annika Hoffmann testen für das Motorik-Modul, einem Teilstück des bundesweiten, repräsentativen Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS, www.kiggs.de) des Robert Koch-Instituts (Berlin). Die vier sind Sportstudenten und prüfen ihre Probanden auf Herz und Nieren. Allein in Dobbertin müssen 14 Kinder und Jugendliche an zwei Tagen zeigen, wie gut sie beim Standweitsprung, Balancieren oder Liegestütz sind.

Im Dobbertiner Gemeindehaus macht sich die nächste Probandin startklar für den umfangreichen Test. Raus aus den Straßenklamotten, rein in den Sportdress. Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Reaktionsvermögen - all das kommt auf den Prüfstand. Schwitzen im Dienste der Wissenschaft. Doch zunächst werden Muskelmasse und Körperfettanteil akribisch gemessen und ausgewertet. Annika Hoffmann legt der Probandin das Maßband um die Taille. Auch Körpergröße und Gewicht werden genau dokumentiert. Die Messergebnisse sind für die Testpersonen nicht selten eine Überraschung. "Viele schätzen sich falsch ein - zu ihren Gunsten natürlich", sagt Fabian Amberger und lacht. Das gelte nicht nur für die Kilos auf der Hüfte, sondern auch für die Körpergröße. Erst kürzlich habe sich ein Vater bei der Größe seines Kindes um satte zehn Zentimeter verschätzt.

Viele Probanden machen den Test zum zweiten Mal. Schon im Zeitraum 2003 bis 2006 waren sie dabei. Nun zeigt sich ihre Entwicklung in den vergangenen Jahren. Zudem wurden neue Probanden ausgewählt - nach dem Zufallsprinzip. Durch sie sollen auch neue Ist-Werte ermittelt werden - vor allem bei den Sit-Ups. Denn die letzten Messungen in diesem Bereich fanden 1979 statt.

Rumpfbeugen stehen auch für Annika Hoffmanns Probandin auf dem Plan. Doch zunächst führt sie das Mädchen zu drei auf dem Boden liegenden Balken. Sie soll zeigen, wie gut sie rückwärts auf den Holzleisten balancieren kann. Danach ist vor allem Kraft gefragt: Liegestütze und Standweitsprung stehen an.

Nicht nur im Klosterdorf Dobbertin, in ganz Deutschland bringen Testteams ihre Probanden ins Schwitzen. "Die Dobbertiner liegen im Durchschnitt", resümiert Fabian Amberger nach zwei Testtagen. Was auffalle, sei, dass viele gar nicht oft Sport treiben können, weil es an Angeboten vor Ort fehle, sagt Anne Fritz. Für Schüler komme die Belastung durch den Alltag erschwerend hinzu: Nach langem Unterricht und einer langen Bustour von der Schule nach Hause könne sich kaum noch jemand aufraffen, aktiv zu werden, sagt Dennis Schlesinger.

Am Testtag gibt es kein Drücken, keine Ausreden. Insgesamt eineinhalb Stunden dauert ein Durchlauf. Dazu gehören nicht nur die Vermessungen und Sportübungen. Auch ein Fragebogen ist Teil des Motorik-Moduls. Darin müssen die Teilnehmer - je nach Alter - bis zu 150 Fragen zu Themen wie Schulsport, Freizeitaktivitäten und Körperbewusstsein beantworten.

Auch Annika Hoffmanns Probandin füllt den Fragenkatalog aus. Eine willkommene Verschnaufpause nach Sit-ups und Ausdauertest auf dem Fahrrad. Nach insgesamt 90 Minuten ist sie um einige Kalorien ärmer, die vier Tester um Unmengen Messwerte reicher. Für das junge Mädchen geht es nun nach Hause, für Fabian Amberger und seine drei Mitstreiter geht es in die nächste Stadt - zu neuen Tests, zu neuen Probanden.

Seit 2003 haben sich circa 18 000 Kinder und Jugendliche am Motorik-Modul beteiligt, die neben der motorischen Leistungsfähigkeit und dem Sportverhalten der Heranwachsenden, die Ernährung, die Befindlichkeit und psycho-soziale Faktoren als gesundheitsrelevante Aspekte erhebt. Seit 2009 wird das Motorik-Modul längsschnittlich als Verbundprojekt der Universität Konstanz, des Karlsruher Instituts für Technologie und der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd in Kooperation mit dem Robert Koch-Institut unter der Leitung von Professor Dr. Alexander Woll von der Universität Konstanz weitergeführt.

Der MoMo-Längsschnitt baut auf die Basisuntersuchungen von 2003 bis 2006 auf, an denen bereits 4529 Kinder und Jugendliche zwischen vier und 17 Jahren aus 167 Orten in ganz Deutschland teilnahmen. Von 2009 bis 2012 sollen erneut ca. 5000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene deutschlandweit durch die Motorik-Modul-Teams getestet werden.

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