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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

20. Oktober 2017 | 23:19 Uhr

Geschichte : Seit 1922 in Lübz zu Hause

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Eine 93-Jährige erinnert sich an den Alltag während der NS-Zeit / Ihr Vater, Otto Prüssing, widerstand der Drohkulisse der NSDAP

Grete Kulisch, mit Mädchennamen Prüssing, nennt sich selbst eine „alte Lübzerin“. Im Februar 1922 wurde sie in dieser Stadt geboren und hier lebt sie heute noch. Wenn sie von früher erzählt, spürt man, dass ihre Verbundenheit mit der Stadt keine Brüche aufweist, sie hat aber auch nichts Exklusives, Ausschließendes an sich, Lokalpatriotismus wäre ihr wahrscheinlich fremd. Lübz, ihre vertraute Umgebung, steht für die Welt.

Sie erzählt gern, fast mit Begeisterung. Die Sätze sprudeln hervor, trotz des Alters erinnert sie Namen um Namen, weiß Zusammenhänge weit ausholend zu schildern. Gretes Perspektive zur NS-Zeit erfasste die Familie und den Ort, ist nicht die Sicht des Historikers oder einer Person, die im Zentrum politischer Ereignisse stand. Ihr Vater war der Bäckermeister Otto Prüssing. Seine Bäckerei lag in der Bergstraße nahe dem Ziegenmarkt, das Haus gehört heute zum „Lübzer Kunstspeicher“. Otto Prüssing war zeitlebens in keiner Partei, mutig widerstand er der Drohkulisse der NSDAP. Der Tochter gestattete er nicht, der NS-Mädchenorganisation BDM (Bund Deutscher Mädchen) beizutreten, gab den intensiven Bitten Gretes später allerdings doch nach: „Alle meine Freundinnen waren im BDM“, berichtet Grete Kulisch, „wir sind gewandert, natürlich war das schön.“ So weit ging es Grete Prüssing nicht anders als Millionen von Jugendlichen in Deutschland, die Geschwister Scholl in ihrer frühen Jugend nicht ausgenommen.

Prüssings Bäckerei florierte schon vor 1933. Man konnte sich vergleichsweise etwas leisten, sehr schöne, handwerklich gearbeitete Möbel, die Grete heute noch besitzt, und einen Dampfbackofen für die Bäckerei. Das Haus, die Nummer 47 in der Bergstraße, wurde aufwendig erweitert. Der parteilose Otto Prüssing bekam jedoch nach Machtübernahme der Nazis zu spüren, was es hieß, nicht Partei für die Partei zu sein: 1936 wurde der erfolgreiche Bäckermeister als Obermeister der Innung abgesetzt. Man müsse doch in diesen Zeiten in die Partei eintreten, riet ein Handwerkskollege, aber der Vater blieb standhaft – und erschütterbar. Eines Abends sei er sehr erregt aus Schwerin zurückgekehrt, berichtet die Tochter. „Er sprach von etwas Furchtbarem, das dort passiert sei.“ Die Schmiedestraße, in der es viele Juweliergeschäfte gab, war von SA-Leuten abgesperrt, die Juwelierläden waren geplündert und zerstört worden. Grete Kulisch weiß nicht mehr, in welchem Jahr ihr Vater dieses Erlebnis hatte. Möglicherweise handelte es sich um eine Aktion im Zusammenhang mit der sogenannten „Reichskristallnacht“. Grete Kulisch glaubt allerdings, die Ereignisse hätten vor 1938 stattgefunden.

„Insgesamt“, sagt sie, „war Lübz eher konservativ, die meisten waren Deutschnationale, überzeugte Nazis gab es nicht viele.“ Aber die herrschende terroristische Partei durchdrang natürlich den Alltag: „In der Schule ging es los mit Hitlergruß und Fahnenhissen.“ Dennoch erinnert Grete sich, mit allerdings einer Ausnahme, nur an „humane Lehrer“. Der Umgang mit den wenigen jüdischen Mitbürgern, die es in Lübz noch gab, ging allerdings nur mit großer Vorsicht vonstatten. Nach der Einführung des Judensterns im Jahr 1941 verließ der in Lübz so beliebte jüdische Konfektionswarenhändler Willy Ascher seine Wohnung nicht mehr und die damals neunzehnjährige Grete Prüssing brachte abends regelmäßig warmes Essen in die Plauer Straße. (Wir berichteten) „Wenn dich jemand fragt“, mahnte Gretes Mutter, „dann sage, du würdest zu Sauberts gehen“, denn die Familie Saubert wohnte im selben Haus und war „arisch“. Ähnlich unfrei war der Umgang mit Aschers auch schon bis 1936 gewesen, dem Jahr, in dem Betty und Willy Ascher ihr Geschäft verkauften. Grete Kulisch hörte eine Lübzerin damals sagen: „Frau Ascher ist ja eine ganz Liebe, aber man darf mit ihr ja nicht reden.“ Auch die kleine, weißhaarige Frau Ascher selbst hat im Laden immer wieder darauf hingewiesen, dass man nicht lange mit ihr reden dürfe.

Gegen Ende des Krieges plant das Regime noch, als sei kein Ende abzusehen: In Lübz beispielsweise soll noch ein KZ gebaut werden. Im Arbeitsdienstlager nach Greven raus muss außerdem ein Reservelazarett eingerichtet werden, da das Parchimer Lazarett überfüllt ist. Bäckermeister Prüssing soll Brot für dieses Lazarett liefern, aber die rationierte Kohle reicht dafür nicht. Als Prüssing vom damaligen Bürgermeister Köppen mehr Kohle fordert, lehnt Köppen, nach Grete Kulischs Erinnerung, mit diesen Worten ab: „Sie sind hier sowieso nicht so beliebt. Wenn das KZ besteht, sind Sie der erste, der in den Neuen Teich eingeliefert wird.“ Der überzeugte Nazi Köppen war, bevor er Bürgermeister wurde, Lehrer in Lübz. „Er war ein sehr unangenehmer Lehrer“, sagt Grete Kulisch. „Er hat uns mit Politik gequält. Er war für uns ein rotes Tuch.“

 



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