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Wird der älteste Standort Mecklenburgs degradiert? : "Schulsitz gehört nach Parchim"

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Das dürfte wieder ein neuer Hieb auf die Gemütslage vieler Parchimer sein: Die Schulbuchversorgung der Parchimer Berufsschule soll für das nächste Schuljahr von einer Buchhandlung in Ludwigslust gewährleistet werden.

svz.de von
erstellt am 18.Jun.2013 | 05:42 Uhr

Parchim | Das dürfte wieder ein neuer Hieb auf die Gemütslage vieler Parchimer sein, die die Sorge umtreibt, der zunehmende Ausbau von Ludwigslust geschehe auf Kosten der Kreisstadt: Laut SVZ vorliegenden Informationen soll die Schulbuchversorgung der Parchimer Berufsschule für das nächste Schuljahr von einer Buchhandlung in Ludwigslust gewährleistet werden. Dabei handelt es sich um ein Auftragsvolumen von rund 25 000 Euro in freihändiger Vergabe. Bisher blieb dieser Auftrag immer vor Ort, die beiden in Parchim ansässigen Buchhandlungen sorgten abwechselnd für die pünktliche und zuverlässige Belieferung der Schule in der Eldestraße.

Und das Damoklesschwert schwebt bereits wieder über der Kreisstadt! Am Donnerstag stehen die Kreistagsmitglieder vor einer richtungsweisenden Entscheidung: Es geht um den Entwurf des Schulentwicklungsplanes. Dieser sieht bekanntlich eine Vereinigung der beiden bisher bestehenden Beruflichen Schulen der jeweiligen Altkreise Ludwigslust mit einer Außenstelle in Hagenow und Parchim zu einem Regionalen Beruflichen Bildungszentrum des Landkreises Ludwigslust-Parchim vor. Als Sitz der Berufsschulleitung empfiehlt die Kreisverwaltung den Standort Ludwigslust (SVZ berichtete). Als einziges Argument Pro-Ludwigslust führt sie die zentrale Lage ins Feld. Parchim würde damit zur "unselbstständigen" Außenstelle degradiert - ausgerechnet die mit 175 Jahren älteste berufliche Bildungseinrichtung in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt.

"Ich kann nur hoffen, dass die Kreistagsmitglieder die Standortfrage sensibel angehen und dass Sachkenntnis sowie Abwägung von Sachargumenten gepaart mit Verantwortung über die Ausnutzung von Machtposition siegen", sprach Parchims Berufsschulleiter Joachim Wendt am zurückliegenden Sonnabend am Rande der Abiturfeier für die Absolventen des Fachgymnasiums klare Worte. Grundsätzlich begrüßen er und sein Kollegium das aus demografischen Erwägungen notwendig gewordene Zukunftsmodell eines Regionalen Bildungszentrums bzw. die Verschmelzung beider Schulen. Der langjährige Berufsschulleiter hatte bereits Ende vergangenen Jahres in einem SVZ-Gespräch öffentlich Position bezogen und dem Kreistag nahegelegt, zum Schuljahr 2013/14 Nägel mit Köpfen zu machen. Allerdings plädierte er für eine "gleichberechtigte" Lösung, sprich die Auflösung beider Schulen und Gründung einer neuen. Einen solchen Weg habe der Landrat bereits im Herbst vergangenen Jahres abgelehnt, er pocht vielmehr auf einen Anschluss von Parchim an Ludwigslust.

In Sachen Leitungssitz argumentiert Joachim Wendt damals wie heute: "Bei annähernd gleicher Größe beider Schulen in Ludwigslust und Parchim ist Parchim definitiv der weitaus attraktivere Standort in Bezug auf Ausstattung und Modernität der Schule". Joachim Wendt erinnert in diesem Zusammenhang noch einmal daran, dass bereits um die Jahrtausendwende über 9,4 Millionen Euro in die Komplettsanierung des Hauses sowie einen Erweiterungsbau geflossen seien. So finden hier zum Beispiel alle Gastro-Azubis aus dem Südwestmecklenburger Raum und der Landeshauptstadt ideale Bedingungen, um sich das theoretische Rüstzeug für ihren künftigen Beruf anzueignen. Der Berufsschulchef hinterlässt nach 22-jähriger Leitungstätigkeit in der Parchimer Eldestraße ein geordnetes Haus, das sehr gut in Schuss, auf technisch modernstem Niveau ausgestattet und behindertengerecht ist sowie einen gepflegten Eindruck macht, wenn er sich noch in diesem Monat in den Ruhestand verabschiedet. Sein letzter offizieller "Schultag" ist der 27. Juni. Seine Stellvertreterin Petra Voß hat die Schule bereits zum 1. Mai verlassen, da sie in Parchim keine berufliche Perspektive mehr gesehen hat. Sie leitet jetzt die Berufliche Schule der Landeshauptstadt Technik.

"Mein größter Wunsch für die Schule zu meinem Abschied ist, dass der Sitz der Leitung eines Beruflichen Bildungszentrums in Parchim wäre", so Wendt. Historische Tradition, bauliche Substanz, Ausstattung, Schülerzahl, Verwaltungswege, Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln - all diese Kriterien sollten morgen bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen, legt er den Kreistagsmitgliedern eindringlich ans Herz.

Für Verwunderung bei den Kollegen in Parchim sorgte ein vor wenigen Tagen verfasster Brief der Ludwigsluster Schulleitung an den Landrat und die Kreistagsmitglieder, der inzwischen auch unserer Redaktion vorliegt. Die Absender schwören die Kreistagsmitglieder nach ihrer Lesart darauf ein, "die Qualität der Berufsausbildung im Landkreis Ludwigslust-Parchim mit einem zentralen Sitz in Ludwigslust mitzutragen". Sie machen z. B. dem Kultur- und Sozialausschuss der Stadt Parchim den Vorwurf, bei den Schülerzahlen "einen eklatanten Fehler bewusst vorgenommen zu haben". Hintergrund: Der Ausschuss machte sich wie schon unsere Zeitung die Mühe, die Schülerzahlen nach Standorten differenziert zu hinterfragen ( Parchim: 616, Ludwigslust 590, Hagenow 347) und kam zu dem Schluss, dass Parchim der Standort mit der höchsten Schülerzahl ist. Die Ludwigsluster Schule hingegen argumentiert, dass sie seit acht Jahren organisatorisch, personell und funktionell zu einer Einheit mit der Beruflichen Schule Hagenow gewachsen ist. Die Absender des Briefes schüren bei den Kreistagsmitgliedern den Eindruck, dass in der derzeit geführten öffentlichen Debatte von Parchimer Seite "wohlweislich verschwiegen" werde, dass die Berufliche Schule Ludwigslust noch vor zwei Jahren den Ausbildungsberuf Bürokaufmann/Bürokauffrau nach Parchim abgegeben hat, ohne dass im Gegenzug der Ausbildungsberuf Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel nach Ludwigslust geschickt wurde.

Ein Vorwurf, den Joachim Wendt so nicht im Raum stehen lassen kann: Letzteres, so stellt er richtig, sei vereinbart gewesen für den Fall bei nicht tragfähiger Schülerzahl. Und dieser Fall sei ja wohl (noch) nicht eingetreten.

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