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satirisches in lübz : Scherz, Satire und haushohe Übertreibung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Andreas „Spider“ Krenzke von der Berliner Lesebühne LSD war im Mehrgenerationenhaus in Lübz zu Gast

Humor muss man haben, um Humor zu verstehen, Satire muss man nur verstehen. Dazu bedarf es eines Quäntchens intelligenter Distanz, über die ein empörter Leserbriefschreiber offenbar nicht verfügte, als er sich über „den Dreck“, den Andreas „Spider“ Krenzke über sein ehemaliges Land (gemeint ist die DDR/Anm. d. Red.) ausgeschüttet habe, schriftlich beschwerte. Nachzulesen ist die Protestnote auf der Internetseite des Vorlesekünstlers. Satire aber muss übertreiben, ist „Übertreibungskunst“. Was Thomas Bernhard, der österreichische Autor – auch er als „Nestbeschmutzer“ beargwöhnt –, zur Literatur generell formulierte, gilt für die Satire ganz besonders.

Und genau darin, in der Übertreibung, ist „Spider“ genial. Viel zu wenige Zuschauer fanden leider den Weg in das Sälchen des Mehrgenerationenhauses in Lübz. Aber Andreas Krenzke, seit Schulzeiten mit dem Beinamen „Spider“ bedacht, ein großer, schlaksiger Ost-Berliner, nahm es gelassen und seinem Vortrag war auch nicht die geringste Frustration anzumerken. „Auch zu uns in die Lesebühne kommen manchmal nur ein paar Zuhörer“, sagt er. Gelesen wird trotzdem.

Die Lesebühne lernte Spider vor etwa 21 Jahren in Berlin kennen. „Nur einfach Geschichten vorlesen, geht denn das?“, fragte er sich, bevor er zusammen mit drei weiteren Autoren die Lesebühne „LSD“ – „Liebe statt Drogen“ – in Berlin gründete. Und es ging. Auch in Dresden und Leipzig gebe es Lesebühnen, aber, sagt Krenzke, es handle sich dabei in erster Linie um eine Berliner Spezialität, die außerordentlich trendy gewesen sei. Die Unterscheidung zum klassischen Kabarett liegt darin, dass es kein festes Programm gibt, sondern wöchentlich zwei neue Texte gelesen werden: aus der Autoren-Backstube frisch auf den Tisch. An diesen Texten, könnte man sagen, klebt noch der Schweiß des Schreibens.

Nachdem Spider also „die gute Gelegenheit, seine Gäste einzeln per Handschlag zu begrüßen“, wahrgenommen hatte, legte er berlinerisch-schnoddrig los und wie er berlinert ist schon mal ein Vortragsbonus. „Power-Shopping“ hieß die erste Geschichte. Sie berichtet in der erklärten Übertreibungsmanier, wie einer, der im Grunde gerne shoppen geht, zum Samariter an denen wird, die bleich, ausgezehrt, am Rande des Wahnsinns vor den Türen der Einkaufspassagen auf ihre einkaufenden Ehehälften warten. Ein Alltagsphänomen also wird auf die Spitze getrieben und das allein ist schon komisch genug. Aber dann wird auf die schon absurde Übertreibung noch eins draufgesetzt. Das Ich der Satire bemüht sich nun um die Leidenden. Es geht mit ihnen in den Park, ja, manch einen lädt es gar zu sich auf den Balkon ein... Und so fort. So funktioniert Krenzkes Satire: fantasievolle, haushohe Übertreibungen in mehreren Etagen.

Eine andere Geschichte: Das Schönheitsideal ist auf den Kopf gestellt. Jetzt ist Dicksein zum Maßstab geworden. „Alle plärren“, liest Krenzke, „ich bin zu dünn.“ Dünne werden diskriminierend von ihren Zeitgenossen angemacht. Von Spielfilmen werden Remakes hergestellt. Pretty Woman ist jetzt dick. Eine dicke Titanic sinkt nun ohne Eisberg. Und so fort. Dann erzählt Krenzke, der selbst im Prenzlauer Berg wohnt, von einem Kindergeburtstag in diesem Bezirk, dann vom Mauerfall aus westlicher Sicht. So ging es über zwei Stunden inklusive Pause. Es war köstlich. Man hätte gerne mit vielen gemeinsam gelacht!

 









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